Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Predigt vom 9.11.2013

  

 

Predigt zum 75 Jahrestag der Reichsprogromnacht zum Gedenkgottesdienst in der evangelischen Kirche in Gedern ( 9.11.2013)

 

 

(Es gilt der gesprochene Text)

 

 

Liebe Gemeinde,

Ich möchte ihnen zu Beginn die Erinnerungen eines sehr bekannten Zeitzeugen an den 9. November 1938 vorlesen. Pfarrer Heinrich Albertz, der auch einmal Oberbürgermeister der Stadt Berlin gewesen ist erinnert sich:

„Es war der Sonntag nach dem Tage, den die Deutschen geschmackvoller Weise „Reichskristallnacht“ genannt haben. Karl Immer, der Pfarrer der Gemeinde in Wuppertal-Barmen-Gemarke, stellte sich hin vor die Gemeinde, ohne Talar, und sagte der Gemeinde, ein paar hundert Meter von der Kirche sei das Wort Gottes verbrannt worden. Er meinte damit die Zerstörung und das Anzünden der Barmer Synagoge in der Zur -Scheuren -Straße. Er wolle und könne daher heute keine Predigt halten. Er wolle nur zwei Texte vorlesen.

Und er las die 10 Gebote in ihrer ursprünglichen Fassung und das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, betete das Vaterunser und sagte: Wer diese Texte richtig verstanden hat, der möchte doch bitte nachher in seine Sakristei kommen. Und es kamen nach meiner Erinnerung so vierzig bis fünfzig Gemeindeglieder. Und dann haben wir in den nächsten Tagen mit gefälschten Pässen immerhin noch eine Reihe jüdischer Mitbürger aus dem „Deutschen Reich“ herausgebracht.

 

Liebe Gemeinde,

wäre es heute zum Gedenken nicht besser gewesen, es wie Pfarrer Immer damals zu tun und nicht zu predigen? Immerhin verschlägt es einem auch heute, 75 Jahre danach, immer noch die Sprache, wenn man die Berichte der Zeitzeugen und die Dokumente der Progromnacht liest. Es verschlägt einem die Sprache, wenn man liest und hört zu welch blankem Hass, zu welch tiefer Menschenverachtung, zu welch unfassbarer Niedertracht, Menschen in Deutschland und auch in Gedern fähig waren und zwar schon 1933, wie wir aus dem genauso lesenswerten, wie erschütternden Buch von Thomas Lummitsch: Jüdisches Leben in Gedern, erfahren.

An den Folterungen und Gewalttätigkeiten am 26. September am Schottener Kreuz wurden die Schläger mit von einer johlenden Menge von etwa 150 Zuschauern angefeuert.

 

Sollte ich jetzt doch besser schweigen? Vielleicht wäre es dem ein oder anderen recht, aber ich denke, wie dürfen nicht schweigen und wir dürfen auch 75 Jahre danach nicht einfach aus Scham den Mantel der Geschichte drüber schlagen.

Die Reichsprogromnacht bildet den Beginn der nun systematischen Verfolgung, Verhaftung und Ermordung jüdischer Menschen in Deutschland und vor allem in Osteuropa.

Als Vorwand dieser Novemberprogrome wurde das Attentat des 17- jährigen Juden Herrschel Grybszpan auf den Botschaftssekretär Ernst von Rath in Paris genannt, der mit diesem Attentat auf die Deportierung von 17000 polnischen Juden aus Deutschland nach Polen aufmerksam machen wollte. Unter Ihnen waren auch seine Eltern gewesen.

 

75 Jahre nach diesen Progromen besuchte ich das KZ in Auschwitz und im benachbarten Birkenau.

Ich verstehe, man muss den Anfängen wehren, denn nur dann kann man das Schlimmste, was Menschen anderen antun können, verhindern.

Auschwitz und Birkenau hätte es nicht gegeben, hätte es die manchmal ganz alltäglichen Diskriminierungen nicht gegeben, zu denen die Mehrheit geschwiegen hatte.

Der 9. November 1938 war das Startsignal. Was damals mit dem Niederbrennen der Synagogen öffentlich wurde, endete in der fabrikmäßigen Vergasung zahlloser jüdischer Menschen, doch nicht nur sie wurden dort vernichtet, der Endlösung zugeführt, sondern auch zahlreiche politische Gefangene, auch Sinti und Roma.

„Gehen sie durch Birkenau. Schauen sie sich alles genau an und warten sie, was Ihnen die Opfer sagen.

Mit diesem Auftrag, mit diesen Gedanken ging ich über diese Erde, erstarrte vor der Rampe, an der die Viehwagons hielten, mit denen die Menschen hergebracht und dann ohne Registrierung direkt in die Gaskammern geführt wurden, im Vertrauen darauf, dass sie vor Bezug des Lagers zum Duschen geführt würden.

Das ist wohl das richtige Gedenken, wenn wir beginnen die Opfer zu hören.

 

Nein man darf nicht schweigen, liebe Gemeinde, aber was eigentlich soll man sagen?

Als ich zu Beginn der 80er Jahre in Heidelberg Theologie studierte, da stand genau diese Frage im Raum: Wie kann man nach Auschwitz von Gott sprechen?

Es kann keine Theologie nach Auschwitz und schon gar nicht über Auschwitz geben.

Denn wir sind verloren, was immer wir tun; was immer wir sagen, ist unangemessen.

Man kann das Ereignis niemals mit Gott begreifen; man kann das Ereignis nicht ohne

Gott begreifen. Theologie, der Logos von Gott? Wer bin ich, um Gott zu erklären?

Einige Leute versuchen es. Ich glaube, sie scheitern. Und dennoch ... Es ist ihr Recht, es

zu versuchen. Nach Auschwitz ist alles ein Versuch.

 

So sagte Eli Wiesel 1989 in einem Interview. Nach Auschwitz ist alles nur ein Versuch, weil alles unangemessen ist. Man kann das Ereignis niemals ohne Gott begreifen, man kann es aber auch nicht mit Gott begreifen.

Wo war Gott in Auschwitz?

Was ihr einen meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Und was ihr einer meiner Schwestern und Brüder nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.

 

In Baracke  11, dem sogenannten Todesbunker des Stammlagers, in Zelle 21 begegnet mir Stefan Jasniewski. Er ist kein Jude, aber er ist ein Opfer, ein Ermordeter wie sie.

Ein Architekturstudent, der in der polnischen Heimatarmee gegen Hitler und für die Freiheit Polens kämpft. Er ist Fallschirmspringer. Irgendetwas muss bei einem Einsatz schief gegangen sein. Er wird verhaftet und nach Auschwitz gebracht. Im Todesbunker wartet er auf seine Hinrichtung an der sogenannten Todesmauer die die Baracken 10 und 11 trennt.  In der Regel saß man da nicht länger als 48 Stunden, dann ging es für politische Gefangene zur Exekution.

Ich weiß nicht, wie lange Stefan Jasniewski auf seine Hinrichtung gewartet hat. Aber ich weiß, was er in dieser Zeit getan hat. Er ritzte mit blanken Händen, vielleicht mit den Fingernägeln, vielleicht mit einem Essenslöffel, ich weiß es nicht, diesen Christus in die Steinwand seiner Zelle. Es ist das letzte, was er im Leben getan hat. Er ritzte irgendwie dieses Christus in seine Zellenwand.

Der Gekreuzigte in Auschwitz, der ohnmächtig Sterbende von Stefan Jasniewski. Er ist das Sinnbild für die Gequälten, Gefolterten und Getöteten in diesem Lager.

Und die Antwort wo war Gott in Auschwitz wird mir deutlicher. Er ist dort gestorben. Er war in jedem dieser Menschen. Gott greift nicht in die Geschichte ein. Er lenkt sie auch nicht. Er ist ihr Opfer. Millionenfach. Gott war und ist immer wieder den Gottlosen ausgeliefert.

Stefan Jasniewski hat seinen Glauben nicht verloren in dieser Hölle. Er hat Zuflucht bei Christus gesucht, hat ihn in die Wand geritzt. Ecce homo. Seht welch ein Mensch.

Glaube ich an das Gericht Gottes? Ja und in Auschwitz bitte ich sogar darum. Denn das darf einfach nicht ungesühnt bleiben. Mich erschüttert zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind. Gebildete Menschen des Kulturvolkes Deutschland.

Gott ist in Auschwitz hingerichtet worden. Und er ist auferstanden. Er lebt. Das wollte Jasniewski sagen. Hoffnung machen all jenen, die nicht wie er im Dunkeln seiner Zelle und seiner Angst gefangen sind, aber auch leiden wie er unter den Finsternissen dieser Welt.

Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis nahm es nicht auf. So beginnt im Johannesevangelium die Weihnachtsgeschichte.

 

 

Das ist die Geschichte Gottes mit den Menschen in diesen Zeiten. Das Licht kam in die Finsternis, doch die Finsternis hat es  nicht ergriffen.

Gott ist nach Auschwitz auferstanden und seine Jünger haben die Aufgabe dafür zu sorgen, dass so etwas, wie in Auschwitz nicht mehr geschieht. Nirgendwo. Und dass sie es nicht hinnehmen, wenn die NPD und andere rechtsextreme Parteien, nicht aufhören damit, Volksgruppen und Fremde auszugrenzen, wenn sie propagieren der Deutsche sei besser als andere Nationalitäten.

Aus diesem Gedenken darf und soll für uns Christen, Bekenntnis werden in der Welt und Verantwortung für die Welt werden.

Das sind wir den Opfern schuldig, inmitten einer Welt die am liebsten alles vergessen möchte, am liebsten auch Gott.

Aber wo die Welt gottlos wird, da fällt der Mensch ins Bodenlose.

Amen.

 

 

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