Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Predigt vom 23.09.2012

  

Predigt zur Silbernen Konfirmation 2012 in der evangelischen Kirche in Gedern am 23.9.2012

 

(Es gilt der gesprochene Text)

 

Es legte aber der König Herodes Hand an einige von der christlichen Gemeinde. Er meinte, das sei im Sinne des Volkes. Den Jakobus, den Bruder des Johannes, ließ er mit dem Schwert töten. Den Petrus aber nahm er gefangen, warf ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen, später sollte er hingerichtet werden. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und weiter: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und sie gingen durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel. Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat. Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.

Liebe Gemeinde, liebe silbernen Konfirmaden und Konfirmandinnen,

 

für den heutigen Tag, also auch für den Tag ihrer silbernen Konfirmation, ist diese Wundererzählung aus der Apostelgeschichte vorgesehen.

Das Wunder von der Befreiung des Petrus, könnte man diese Geschichte überschreiben oder, um eine andere Überschrift ins Gespräch zu bringen: Wenn der Engel Gottes zur Befreiung ruft.

Vielleicht mag ihr erster Eindruck zu dieser Geschichte sein, sie habe nicht allzu viel mit diesem Ehrentag, mit ihrer silbernen Konfirmation zu tun.

Ich will diesen Einwand erst einmal aufnehmen.

Im Zentrum, gestern bei der gemeinsamen Feier und heute zum Jubiläum stehen sicherlich die Erinnerungen an die Konfirmationszeit, die Erinnerung an eine Zeit, die einem damals vielleicht nicht leicht vorkam, wir wissen ja alle was Pubertät bedeutet, aber im Rückblick ist das doch eine Zeit, in der vieles einfacher, leichter, schöner war.

Einige dieser Erinnerungen daran habe ich in unserem Vorbereitungsgespräch gehört, etwa an die Freizeit in Ulrichstein, oder daran, wie sie als Konfirmandinnen und Konfirmanden die Freude hatten, den Gemeindebrief zusammen zu tackern.

Das Thema Aids, damals hochaktuell wurde im Unterricht behandelt ( es ist übrigens heute auch noch aktuell) und irgendjemand, dessen Name ich nicht nenne, der warf einmal einen Schneeball durchs ganze Gemeindehaus.

Und ganz sicherlich sagt ihnen auch das etwas:

Da sagte die Maria im Krippenspiel der Konfirmanden einen Satz, den sie heute noch kann:

„O Josef du mein lieber Mann, ich mach ja schon so schnell ich kann.“

Schöne Erinnerungen sind das, getrübt vielleicht nur dadurch, dass nach wie vor übrigens in Gedern als letztes der Ortsteile konfirmiert wird und das hatte damals noch den nicht zu unterschätzenden Nachteil, dass die Weningser schon sechs Wochen vor ihnen in die Disco durften.

Heute 25 Jahre später schmunzeln wir über die damaligen Sorgen und Härten des Lebens.

Da haben sie sicherlich in den letzten Jahren ganz anderes erlebt.

Es ist das Kennzeichen für den Unterschied vom Kind sein zum Erwachsenwerden, dass das Leben an Selbstverständlichkeit verliert.

C.G Jung der große Seelenforscher und Psychoanalytiker war der Meinung, so um die vierzig wird der Mensch erst erwachsen und er beschreibt dieses Erwachsenwerden als einen Übergang davon, dass man vorher nach außen hin lebt, fragt, ob man anerkannt ist, seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat und mehr, hin zu einem verinnerlichten Leben, das neue Prioritäten setzt, das nach den wirklich wichtigen Dingen des Menschseins fragt.

Was tut mir gut? Was macht mich glücklich und was tut mir eben nicht gut und macht mich unglücklich?

Und er stellt fest, dass Menschen in der Lebensmitte oft ihre Zwänge, ihr Gefangensein in Beruf, Alter, aber auch in der Rolle, die sie sich lange erarbeitet haben, auf besondere Weise wahrnehmen.

Zwänge und Gefangensein, liebe silbernen Konfirmanden und Konfirmandinnen, bei diesen Worten sind wir auf einmal dann doch drin in dieser Befreiungserzählung aus der Apostelgeschichte, in der der Engel dem Petrus befiehlt: Steh auf, gürte dich und ziehe deine Schuhe an und die Fesseln der Ketten fielen von ihm ab.

Vierzig Jahre, Zeit zum Erwachsenwerden, Halbzeit des Lebens, vierzig Jahre, die Zeit in der bildhaft das Volk Israel seinen Weg durch die Wüste suchte um dann, erst dann im gelobten Land sesshaft zu werden.

Der tiefenpsychologische Zugang zur Bibel, der die biblischen Geschichten als Metapher für innerseelische Zustände sieht, sieht in diesen Geschichten, auch so etwas wie die Geschichte unseres Lebens.

Wollen wir einmal versuchen das zu verstehen?

Und das beginnt damit, dass wir ehrlich zu uns sind und uns fragen:

Was nimmt uns gefangen? Welche Sorgen und Handlungsweisen machen mich unfrei?

Treibt mich die Arbeit zu einem Burnout oder werde ich in meinem familiären Umfeld oft so gefordert, manchmal auch überfordert, dass es mich manchmal regelrecht lähmt?

Ich denke, diese Erfahrungen kennen wir alle in unserem Leben. Wir haben Häuser gebaut, Berufe gelernt, Familien gegründet, Partnerschaften gelebt, vielleicht Träume verwirklicht auf unserem Weg ins Erwachsensein.

Haben wir wirklich unseren Traum gelebt oder haben wir unser Leben verschlafen?

Die silberne Konfirmation feiern wir mit großem Bedacht an dieser Schwelle ihres Lebens, auf der Schwelle hin zum wirklichen Erwachsenwerden. Erwachsenwerden, das war vor 25 Jahren, endlich länger weg und in die Disco zu dürfen, vielleicht schon bald in die Lehre zu gehen und einen Beruf zu lernen.

Erwachsenwerden heute, liebe Gemeinde, liebe Konfirmationsjubilare, ist aber mehr, soll Befreiung sein zu einem Leben, in dem ich selbst wieder meinen Platz finde.

Vielleicht wird die alte Geschichte von Petrus im Gefängnis nun auf einmal doch ein Stück weit meine eigene Geschichte.

Wenn dem so ist, dann hören sie vielleicht die Stimme des Engels in ihrem Inneren, die sagt: Steh auf, gürte dich und zieh deine Schuhe an…..

Das heißt, mach dich reisefertig, öffne dich für deine Zukunft, sei bereit. Werfe deine Ängste, Sorgen, Zwänge ab und verlasse deine inneren Gefängnisse.

Bedenke dabei, Freiheit, wirklich Freiheit gibt es nach unserer Meinung nur in der Beziehung zu Gott. Zur Freiheit hat uns Gott berufen.

Zu einer Freiheit, die im Leben ein Geschenk sieht, die das Leben als Gestaltungsraum sieht für ein verantwortliches Handeln im Geiste und in der Liebe Gottes.

Freiheit ist nicht das kindliche Tun und Lassen, was man will und was einem in den Kopf kommt, sondern Freiheit ist, durch den Glauben an Gott und durch das Wissen von ihm geliebt zu sein, auch frei für sich selbst und seine Mitmenschen zu sein.

Wenn ich sie nachher, nach ihrem gemeinsamen Abendmahl segnen werde, dann soll das ein Reisesegen sein für die weitere abenteuerliche, spannende Reise zu ihrem Ich und zu ihrem Leben.

Möge Gott sie in ihrem Leben tragen und behüten, und möge er sie frei machen zu einem guten Leben, das sich als eine Antwort auf Gottes Liebe versteht.

Amen.

 

 

 

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