Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Predigt vom 31.12.2011

  

 

Predigt zur Jahreslosung 2012 in der

evangelischen Kirche in Gedern.

 

(Es gilt der gesprochene Text)

 

Liebe Gemeinde,

 

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Das ist sie also, die neue Jahreslosung, der Satz, der Gedanke, der uns im neuen Jahr 2012 leiten und auf besondere Weise beschäftigen soll.

 

Es ist ein Zitat aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth und ist eigentlich nicht vollständig wiedergegeben.  Es ist verständlich, wenn man eine Jahreslosung kurz, einprägsam und griffig machen möchte, aber es sollte doch der ganze Gedanke des Apostels dabei wiedergegeben werden.

 

Paulus schreibt eigentlich: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

 

Auf die Gnade Gottes kommt es an, denn wir sind alle nicht perfekt. Offensichtlich erwächst die Kraft Gottes dem, der nicht meint, er müsse alles selbst machen und in der Hand halten.

 

Ich kenne keinen Menschen, der ohne Einbrüche, Verluste oder Tiefschläge durch das Leben geht. Und je mehr es braucht an Disziplin, Fleiß, Durchsetzungsvermögen und mentaler Stärke, um auf der Erfolgsseite zu stehen, umso mehr Scheiternde gibt es. Und je mehr Möglichkeiten es gibt, desto mehr Unmöglichkeiten gibt es auch. Der permanenten Zunahme der Anforderungen steht die ständig wachsende Offenbarung der Unzulänglichkeit zur Seite – global und individuell.

 

Genauso schnell nehmen die Hilfsangebote zu, die den Lebenserfolg garantieren wollen, natürlich gegen entsprechendes Honorar.

 

Der oder die Beste sein zu wollen, erfolgreich und schön, Weltmeister zu werden oder, weniger oberflächlich, das Streben nach Fortschritt, Entwicklung und Anerkennung ist den meisten Menschen mitgegeben.

 

 Es hat die unterschiedlichsten Ausprägungen, die einen legen Wert auf Bildung, Titel und Position, die anderen auf Reichtum oder sportlichen Erfolg.

 

Wir alle sind und bleiben unsere eigenen Bauleute an unseren vielen Türmen zu Babel, mit denen wir uns heute noch, wie auch schon die Bauleute im 1. Buch Mose einen Namen machen wollen. und wir schauen nicht gerne, nur gezwungenermaßen, auf die missglückten Bauwerke oder fragwürdigen Baupläne.

 

Anders Paulus im heutigen Predigttext. er gibt uns eine Lehrstunde in der Kunst des Scheiterns:
„Christus aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deshalb bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage. , denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

 

Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, die er selbst gegründet hat, diesen Text, weil auch die Christen in dieser Gemeinde sich hat verführen und blenden lassen von den, von Paulus so genannten, Überaposteln – sie berufen sich auf ihre Herkunft, auf ihre Leistungen im Namen Christi, ihre spirituellen Erfahrungen, ihren Verzicht und ihre persönliche Anteilnahme und ihre viele Arbeit – für die Gemeinde stellt das die Arbeit von Paulus in den Schatten. Sind sie nicht die besseren Missionare und Lehrer? Überzeugend und kraftvoll, engagiert und immer bereit, das Letzte zu geben und von sich selbst abzusehen.

 

Was ist eigentlich Paulus Problem? Spricht da ein gekränkter Mann, von Platz eins verdrängt durch frische Nachfolger?

 

Ja, es ist sicher eine Kränkung für Paulus. Es mindert seine Anerkennung in der Gemeinde. Ja, es tut weh, andere groß werden zu sehen und verdrängt zu werden, an Bedeutung zu verlieren. Es macht traurig, die eigene Begrenztheit zu erfahren durch Krankheit, mangelnde Begabung oder Alter.

 

So reagiert auch Paulus erst mal wütend bis sarkastisch und führt an, dass er, gemessen an den Leistungen der Überapostel, nicht weniger, sondern mehr zu bieten hat. Seine Leiden, seine spirituellen Erfahrungen, seine Abenteuer, seine Wundertätigkeit – da kommen sie nicht mit.

 

Aber darum geht es auch gar nicht – Paulus führt seine missionarischen und christlichen Leistungen zwar auf, aber nicht, um sich als Besten aller Apostel darzustellen.

 

Hier kommen wir zum Kern der Sache. Darum geht es nicht. Es geht nicht darum, einen christlichen Turm zu Babel zu bauen, es geht nicht darum, wer frömmer, christlicher, gebildeter oder selbstloser ist. Es geht nicht darum, den Weltmeister im offensiven und offensichtlichen Christsein zu küren.

 

Denn so wird wieder der Mensch zum Maßstab, also Erfolg und Anerkennung der Stärken und des Durchsetzungsvermögen.

 

Ein christlicher Turm zu Babel ist nicht besser als ein heidnischer – vielleicht sogar tragischer, denn der heidnische Turm ignoriert die Begrenztheit des menschlichen Lebens, der christliche aber die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.

 

Das wird deutlich an den Irrlehrern, die die korinthische Gemeinde beeinflussen.

 

Wer sich, so wie diese Superapostel mehr an Jesu Wunder- und Auferstehungsmacht orientiert, wer aus dem Christsein einen Wettkampf macht um Frömmigkeit und Engagement, der verliert das Kreuz aus dem Blick, den Tod Jesu. und der verliert aus dem Blick, dass an diesem Tod alle gescheitert sind außer Gott selbst. Die Jünger waren nach den Ereignissen in Jerusalem wieder zurückgekehrt in ihren Alltag, nachdem sie sich zuvor aus Angst davor versteckt hatten, mit Jesus in Zusammenhang gebracht zu werden. Für sie waren Jesus, die Botschaft an die sie geglaubt haben und damit sie selbst gescheitert.

 

Zurück blieben Angst und Resignation. Es war kein großes Bauwerk einer neuen Lebensweise entstanden, Jesus hatte sich nicht gegen den Hohen Rat und die römischen Besatzer durchsetzen können. Nicht erfüllte Erwartungen und Träume, verschwendete Kraft.

 

Doch in diesem Scheitern ist Gott schon tätig. Seine Gnade und Barmherzigkeit erfüllen den Raum und die Zeit – seine Gnade nimmt das Scheitern, gar den Tod und wandelt es in Leben. Wenn nichts mehr geht und keine menschliche Anstrengung etwas ändern kann, dann beginnt die Veränderung durch die Gnade.

„Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“

 

Paulus teilt hier den wahren Erfolgs seines Lebens mit: dass er nämlich begriffen hat, dass das Leben, dass „Geschöpf Gottes sein“ sich nur im Loslassen aller menschlicher Stärke erfüllt. In der Schwachheit wird Gott erfahrbar. Wenn Scheitern nicht als undenkbar und als Katastrophe gesehen wird, wenn wir nicht dauernd mit uns selbst ins Gericht gehen und immer mehr von uns fordern, dann sind wir erfolgreich.

 

„Meine Gnade genügt dir! Denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit!“

 

Damit wir die Barmherzigkeit Gottes erfahren können muss Schluss gemacht werden mit dem kollektiven Größenwahn, der alles als machbar erklärt, der Wachstum und Geld, Gesundheit und Durchsetzungskraft zu Götzen erklärt hat. Damit die Gnade sichtbar wird muss Schluss sein mit den menschenverachtenden Bewertungen von gut und erfolgreich sein gegenüber dem Scheitern und Versagen.

 

Es bedarf einer neuen Bewertung des Lebens, des Erfolgs und des Scheiterns, dessen, was das Leben zu einem erfüllten Leben macht, gerade, wenn wir Jünger und Jüngerinnen des Gekreuzigten sind, gerade auch in dieser Gemeinschaft. Vielleicht ist es aber am wichtigsten, dass wir selbst aufhören unsere eigenen inneren Richter zu sein, uns selbst zu messen an unserer Leistung und unserem Engagement und anzufangen Raum zu schaffen für das Leben und die Barmherzigkeit Gottes.

 

Die Schriftstellerin Gabriele Erber, auf die ich in der Vorbereitung dieser Predigt gestoßen bin, dichtete:

 

Oh Gott

ich bitte dich um deine Gnade!

Gib mir deine Gnade,

um aufzustehen

und wieder aufrecht

durchs Leben zu gehen.

Gib mir deine Gnade,

um alles loszulassen

und um niemanden zu hassen.

Gib mir deine Gnade,

um wieder zu lieben

und um zu leben in Frieden.

Gib mir deine Gnade,

um mir zu verzeihen

und auch allen andern !

Gib mir deine Gnade,

an mir nicht mehr zu zweifeln

und womöglich daran zu verzweifeln.

Gib mir deine Gnade,

nicht mehr mit mir und dir zu hadern !

Gib mir deine Gnade,

mich zu reinigen

und dafür niemand zu steinigen.

Gib mir deine Gnade,

das neue Leben anzunehmen.

 

© Gabriela Erber

 

Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Amen

 

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