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Predigt vom 13.11.2011

  

Predigt am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres 2011

(Volkstrauertag) über Lk 16,1-8

 

(Es gilt der gesprochene Text)

 

 „Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm

beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach

zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn

du kannst hinfort nicht mehr Verwalter sein. Der Verwalter sprach bei sich selbst:

Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch

schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser

aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die

Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du

meinem Herrn schuldig? Er sprach: Hundert Eimer Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm

deinen Schuldschein, setz dich hin und schreibe flugs ‚fünfzig’. Danach fragte er

den zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen.

Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreibe ‚achtzig’. Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder

dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.“

Liebe Gemeinde,

ehe wir uns diesem wunderlichen Gleichnis näher zuwenden, möchte ich mit Ihnen den besonderen Charakter dieses Sonntags bedenken. Einmal feiern wir ihn als Volkstrauertag, denn ein Volk, das nicht mehr trauern kann, stumpft ab. Es vergisst seine Geschichte und seine Schuld, wird kurzatmig und geht alsbald auf im „Klein-bei-klein“ des Tagesgeschäftes. Das einzige Gebot, das dann faktisch noch übrig bleibt, lautet: „Du sollst dich nicht erwischen lassen!“

Deshalb war es gut, dass am 18. Oktober 1945,

Bischöfe und Laien der evangelischen Kirche in Stuttgart ein

Schuldbekenntnis sprachen, als sie zum ersten Mal nach dem Krieg einer ökumenischen Delegation mit Kirchenvertretern Englands, Hollands und Frankreichs begegneten.

„Mit großem Schmerz sagen wir: durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Im Namen der ganzen Kirche bekennen wir: Wir klagen uns an, nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt zu haben.“ – Noch mehr Beachtung als dieses Stuttgarter Schuldbekenntnis fand

die symbolische Geste des Kniefalls von Willy Brandt 1970 am Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghettos. Die weltweit beachtete Geste machte deutlich, dass hier ein

Staatsmann stellvertretend für sein Volk Reue zeigte und um Vergebung bat. – In diesem Sinn ist es auch gut, wenn wir heute nach dem Gottesdienst zur Gedenktafel für die Toten auf den Friedhof hinausgehen und dort einen Kranz niederlegen und uns an die erinnern lassen, über die durch unser Land unermessliches Leid gebracht worden ist.

Zum andern bedenken wir heute am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres das Wort des Apostels Paulus: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi.“ Das stellt

jeden und jede von uns mit seinem Leben vor die Tatsache: Ich werde mit allem, was ich getan und nicht getan habe, noch einmal an allerhöchster Stelle zur Rede gestellt und zur

Verantwortung gezogen werden. Gehört das nicht auch zur Würde des Menschen, dass er mit seinem Leben an höchster Stelle noch einmal gewürdigt und zur Verantwortung

gezogen wird? Ist das nicht sogar ein Grund zur Freude, dass wir uns sagen können: Solche Massenmörder wie Karadzicz oder Mladicz, Hitler und Ghadafi entkommen Gottes letztem und höchstem Gericht nicht. Sie werden zur Verantwortung gezogen, wie auch alle andern, die sich klammheimlich ins Fäustchen lachen, weil sie der irrigen Meinung sind, mit ihren kleineren oder größeren Verbrechen oder Untaten irgendwie durchzukommen und nicht erwischt zu werden.

Vor seinem Richtstuhl müssen wir alle, ob wir wollen oder nicht, offenbar werden.

Ich gebe freilich zu, dass mit der Rede vom Jüngsten Gericht auch ein schlimmes Geschäft mit der Angst getrieben werden kann und schon getrieben worden ist: „Pass nur

auf, du kommst auch noch dran!“ und „Big brother is watching you“ und was es da noch für Sprüche gibt. Wir müssen ja nicht vor irgendeinem Richtstuhl offenbar werden, sondern vor dem Richtstuhl CHRISTI. Er aber ist kein Hinrichter, sondern ein Aufrichter. Er kommt

in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten. Er kommt anders, als es die Geschäftemacher mit der Angst uns einbilden wollen. Er kommt anders, als es die billigen

Vertröster und Verharmloser wahrhaben wollen. Das war und ist ja seine Eigenart, dass er anders war als die Scharfmacher, anders als die Frommen, anders als die Abrechner und anders als die Verharmloser.

Er stellte sich zur Ehebrecherin, als sich alle von ihr distanzierten. Er kehrte bei dem Zöllner ein, als alle sich

über ihn empörten. Er rief die Kinder zu sich, als alle sie wegschicken wollten. Er vergab dem Petrus, als der sich selbst verdammte. Er lobte die opfernde Witwe, als sie von allen

übersehen wurde.

Er aß mit Sündern und Zöllnern und scherte sich einen Dreck drum, dass hinter seinem Rücken von ihm als „Fresser und Weinsäufer“ geredet wurde.

So kommt er heute auch anders in einem Gleichnis zu uns, als wir es vielleicht erwarten.

Er lädt uns zunächst einmal ein, am Tisch der Sünder und Zöllner mit Platz zu nehmen, also an der Seite derer, die je auf ihre Weise kleine Gauner und Schmuddelkinder waren.

Ihnen und seinen Jüngern, die auch mit am Tisch sitzen, erzählt er ein Gleichnis, das mit

der harmlosen Wendung beginnt, fast wie ein Märchen: „Es war einmal ein reicher Mann…“. So begann einst auch der Prophet Nathan vor David sein Gleichnis auf eine

scheinbar ganz harmlose Weise: „Es war einmal ein reicher Mann...“. Und David ahnte nicht, dass er mit seiner Schuld in diesem Gleichnis gefangen wurde wie in einer Schlinge.

Gleichnisse der Bibel sind nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick daherkommen.

Jesu Gleichnis erzählt von einem reichen Mann, der sich einen Verwalter über seine Güter und Reichtümer leisten konnte. Was kommt ihm nun aber zu Ohren über diesen

Verwalter? Er gehe mit seinem Besitz sehr großzügig um, ja verschleudere regelrecht sein Vermögen. Wer dieses Gerücht aufgebracht hat, wird nicht gesagt, aber dass es sich um

ein böses Gerücht handelte, steht fest. Und Gerüchte können Übles anrichten. Sie können es gar dahin bringen, dass der, der sich vielleicht hat gar nichts zu Schulden kommen

lassen, dennoch entlassen werden muss. So auch in unserem Fall: Der reiche Mann lässt den Verwalter rufen, sagt ihm, wessen er beschuldigt wird und gibt ihm zu verstehen, er

solle Rechenschaft von seiner Verwaltung geben, Abrechnung machen, Kassensturz halten und dann seiner Wege gehen. Das bringt nun diesen Verwalter zu der Überlegung:

Was soll ich tun, wenn mein Herr mir das Amt nimmt? Graben kann ich nicht und meine Talente will ich schon gar nicht vergraben. Das ist nicht meine Art. Betteln ist auch nicht

meine Art. Dafür war ich immer viel zu großzügig und müsste mich jetzt schämen, bei den Leuten betteln zu gehen. Nein, ich werde etwas ganz anderes tun, damit sie mich in ihre

Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Ich will die wenige Zeit, die ich noch habe, dazu benutzen, die Schuldner meines Herrn zu mir zu rufen, einen jeden

für sich. Und so fragt er den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach:

100 Eimer Öl. Nun gut, so setz dich hin und schreibe flugs auf deinen Schuldschein 50. Dann lässt er den zweiten kommen und fragt ihn, wie viel er schuldig sei. 100 Sack Weizen. Nimm auch du deinen Schuldschein, streiche die 100 durch und schreibe 80. So also nutzt der Verwalter die letzte Zeit, die ihm noch verbleibt, um sich Freunde zu machen, die ihn hernach in ihre Häuser aufnehmen werden.

Das Merkwürdige an unserem Gleichnis ist nun, dass Jesus diesen ungetreuen Verwalter lobt, weil er klug gehandelt habe. Er lobt ihn wohl deshalb, weil nicht nur die Sünder und

Zöllner, sondern auch die Jünger ihren Herrn in diesem Verwalter wiedererkennen sollen.

Auch wir sollen durch dieses Gleichnis eine Vorahnung davon bekommen, wie Jesus wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten. Wie der

Verwalter hat Jesus ja selbst aus Gottes Vermögen reichlich verschenkt und ausgeteilt, so reichlich, dass hinter seinem Rücken übler Ruf und böse Gerüchte in Umlauf kamen. Viel

Zeit hat er jetzt nicht mehr. Er ist ja auf dem Weg nach Jerusalem und weiß sehr wohl, was ihn dort erwartet. Doch diese letzte Zeit nutzt er noch einmal dafür, die Schuldner und Habenichtse zu entlasten, indem er ihre Schuldscheine halbieren lässt. In dieser Richtung geht er auf dem Weg zum Kreuz noch weiter, wie Paulus in Kol 2,13 schreibt: „Er hat den

Schuldschein getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet.“ Nun sind auch wir die Entlasteten und Befreiten, an deren

Häusern und Türen er anklopft und fragt, ob er Aufnahme findet mit seinem Geist der Großherzigkeit, Weisheit und Vergebung.

Wie also werden wir offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi, wenn dies Gleichnis uns eine Vorahnung davon gibt, wie er wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die

Toten. Der Schweizer Dichter-Pfarrer Kurt Marti gibt uns mit seinem Text „Wenn die

Bücher aufgetan werden“ einen Vorgeschmack:

„wenn

die bücher aufgetan werden

wenn sich herausstellen wird

dass sie niemals geführt worden sind:

weder gedankenprotokolle noch sündenregister

weder mikrofilme noch computerkarteien.

wenn die Bücher aufgetan werden,

und siehe! auf seite eins:

‚habt ihr mich für einen

eckenspäher und schnüffler gehalten?’

und siehe! auf Seite zwei:

‚der große aufpasser

oder unbruder – eure erfindung!’

und siehe! auf seite drei:

‚nicht eure sünden waren zu groß –

eure lebendigkeit war zu klein!’

wenn die bücher aufgetan werden.“

 

Das wird schmerzhaft sein für uns, dies aus seinem Munde hören zu müssen: „Nicht eure Sünden waren zu groß“ – für die hatte ich doch schon längst bezahlt am Kreuz – „Eure

Lebendigkeit war zu klein!“ Das wird wehtun, uns und ihm selbst, wenn er uns einmal zeigen muss, wie viel freier, wie viel liebevoller, wie viel weniger selbstbezogen wir hätten

leben können, zu wie viel mehr Risiko, Hingabe und Entschlossenheit wir hätten fähig gewesen sein können, wie viel aufgeschlossener gegenüber der Welt und den

Menschen wir hätten leben können, wenn wir uns nur den Reichtum an Liebe hätten gefallen lassen, den er uns ausgeteilt hat. „Eure Lebendigkeit war zu klein!“ Euer Glaube

war zu klein, der Glaube an mich, der ich euch gesagt und gezeigt habe, dass ihr leben dürft unter dem menschenfreundlichen Blick Gottes. Solcher Glaube kann gar nicht anders, als sich in der Liebe auszuwirken.

Das ist es, liebe Gemeinde, was wir heute, am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, noch ändern können: dass wir um den rechten Glauben bitten, aus dem alles Gute fließt,

was uns und der Welt sonst fehlen würde, um Glauben an ihn, der uns freigekauft und freigemacht hat. Er soll an seinem Tag wenigstens einiges an uns finden können, was wir

in seinem Namen gewagt haben. Er wird sich von Herzen darüber freuen, so wie er sich gefreut hat an dem Gauner von Verwalter, den er zuletzt lobte.

In zwei Wochen beginnt die Adventszeit. Da werden wir von Jochen Klepper singen: „Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt, als wollte er belohnen, so richtet er die Welt. Der sich den Erdkreis baute, der lässt den Sünder nicht, wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht.“

Amen.

 

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