Evangelische Kirchengemeinde Gedern
Kirche > Predigten > Predigt vom 07.08.2011

Predigt vom 07.08.2011

  

Predigt am 7. August 2011 ( 7.Sonntag nach dem Trintitatisfest)
 in der evangelischen Kirche in Gedern

 

(Es gilt der gesprochene Text)

 

[30] Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? [31] Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.« [32] Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. [33] Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. [34] Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. [35] Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. (Johannes 6.30-35)

 

Liebe Gemeinde,

natürlich fällt einem in diesen Tagen, wenn im Evangelium vom Brot des Lebens die Rede ist, die Hungerkatastrophe und das Elend der vielen Millionen Menschen am Horn von Afrika ein. Unvorstellbares Leid, dem nach und nach auch Aufmerksamkeit zuteil wird, jetzt, da es fast schon zu spät wird. Und auf einen weiteren Blick, wird der der es missverstehen will, gerade den letzten Satz unseres Textes als überaus zynisch empfinden: Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern, wer zu mir kommt, wird nicht mehr dürsten.

Wohlgemerkt, zynisch ist dieser Satz, allein dem, der diese Worte missversteht oder sogar missverstehen will.

Denn wir wissen, dieser Satz richtet sich an uns, die wir nicht Hunger leiden, an uns die alles haben, das meiste davon im Überfluss, und die dennoch nicht zufrieden sein können, die immer mehr wollen. Immer mehr Leben, immer mehr konsumieren, immer mehr am besten von allem.

Unser Hunger nach Leben, der manchmal unersättlich ist, hat aber gleichwohl etwas mit dem ganz realen und sichtbaren Hunger der Menschen in Somalia zu tun.

Doch der Reihe nach, liebe Gemeinde. Zunächst einmal die erst Wahrheit dieser Worte, die uns gilt.

Zum Menschsein gehört die Sehnsucht dazu. Die Sehnsucht nach Geborgenheit. Die Sehnsucht nach Frieden. Die Sehnsucht geliebt und anerkannt zu sein, die Sehnsucht nach dem was wir Glück nennen. Sehnsucht ist also erst einmal Gutes, durch sie entstehen Visionen und Hoffnungen für das Leben, Träume, die wir suchen Wirklichkeit werden zu lassen.

Aber ich habe das Gefühl, liebe Gemeinde, viele unserer Sehnsüchte sind zur Gier geworden und sie sind zugleich ihrer Spiritualität verlustig gegangen. Unsere Sehnsüchte haben sich materialisiert, sie schaffen keine Visionen und Träume mehr, sondern sie meinen immer häufiger nur noch den Konsum, das Geld, den Wohlstand.

Uns selbst und unserem Menschsein ist die Spiritualität verloren gegangen, wir träumen nicht mehr, und wir haben auch keine Hoffnungen mehr, sondern wir wollen nur noch immer mehr. Ich habe den Eindruck, liebe Gemeinde, unsere Sehnsucht ist zur Gier verkommen.

Wir sind unglücklich, oder zumindest unzufrieden, obwohl wir doch hier alles haben, mehr als wir zum Leben brauchen, viel mehr und das meiste davon im Überfluss.

Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde und haben immer noch Angst zu kurz zu kommen.  Wie kommt es, dass wir alles haben, und dennoch so unglücklich sind?

Wie kommt es, dass bei uns Bücher über das Glück und das Glücklich sein Hochkonjunktur haben, so wurde Eckehard von Hirschhausens Buch vom Glück im vergangenen Jahr der Bestseller schlechthin. Wir sehnen uns nach Glück, aber wir können nicht mehr glücklich sein. 

Unser Wohlstand hat nämlich eine dunkle Kehrseite, denn wer nicht zufrieden sein kann, findet auch nicht den inneren Frieden für sein Leben.

Hinzukommt, dass dieser Wohlstand von uns Opfer fordert, die wir wie einem heidnischen Gott, darbringen müssen.

Wenn du mitmachen willst beim Run auf den Wohlstand, dann musst du fit sein, dann solltest du jung sein, dann solltest du ungebunden sein, dann solltest so frei sein, zu jeder Zeit arbeiten zu können und zu wollen,  dann solltest du durchaus bereit sein, auch ein wenig rücksichtslos zu werden, wenn es darauf ankommt.

Das Mantra der Wohlstandsreligion lautet: „Pecunia non olet“, zu gut Deutsch: Geld stinkt nicht. 

Und so kommt es dass wir, weil Geiz geil ist, unsere Werte auf dem Altar der Discountertempel opfern. Wir wissen, wie günstige Preise entstehen, wir ahnen, dass die Menschen, die uns in ihren Heimatländern Bananen zum ganzjährigen Verzehr ernten, auch nicht annähernd gerecht von den großen Konzernen der Lebensmittelindustrie bezahlt werden, wir wissen, dass bei Kaffeepreisen von etwa 3 Euro für das Pfund, der Pflücker oder die Pflückerin nur mit Hungerslöhnen abgespeist werden können.

Aber wir haben gelernt zu verdrängen und nicht wahrzunehmen, was wir nicht täglich vor Augen gestellt bekommen.

 

Und doch merken viele Menschen, wie sehr sie verloren gehen, wie sehr sie sich selbst verloren gehen,  wie sehr sie nicht mehr als Mensch und mit eigener Menschenwürde wahrgenommen werden,  wie sehr sie zur Nummer geworden sind ohne Namen, zum kleinen Rädchen im Maschinengetriebe, das nur zu leicht ersetzbar ist.

Und doch merken viele Menschen, dass zum Leben eben mehr und anderes gehört, als sich immer nur mehr leisten und kaufen zu können.

Und doch merken Menschen, dass alles zwei Seiten hat, dass die Unabhängigkeit auch oft zur Einsamkeit wird, die ach so scheinbar große Freiheit, auch zur Orientierungslosigkeit werden kann, oder wie es der Volksmund sagt: Dass Geld eben auch nicht glücklich macht.

Ich bin das Brot des Lebens, sagt Jesus von sich. Und er meint damit nicht, das Brot, das wir mit den Zähnen beißen können, sondern das Grundnahrungsmittel, das unsere Seele braucht, damit wir ein Leben mit Leib und Seele führen können.

Und dieses Grundnahrungsmittel heißt Liebe, heißt Jesus.

Die Götter der Neuzeit geben uns keine Heimat und keine Liebe. Die Götter der Neuzeit fordern nur immer bedingungsloser unser Opfer.

Jesus spricht Ich bin das Brot des Lebens, wer von diesem Brot ist, wird nicht mehr hungern.

Spüren wir, dass uns hier eine Einladung ausgesprochen wird, zu einem Leben, das nicht mehr unersättlich und gierig ist?

Spüren wir, dass Jesus uns anspricht, dich und mich? Und dass er sagt: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch neue Kraft geben.

Du bist keine Nummer im Wohlstandsgetriebe, denn ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.

Du bist nicht allein, denn siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Spüren wir, dass wir herausgerufen werden, aus diesem Hamsterrad des immer mehr und nie genug?

Jesus sagt: Ich gebe dir alles, was du zum Leben brauchst, zu einem Leben das Sinn hat, auch weil es Sinn macht, zu einem Leben das gut tut, weil es nicht wertfrei notfalls über Leichen geht, sondern das Gute tut.

Spüren wir, dass wir durch Jesus eingeladen sind, unsere zur Gier verkommene Sehnsucht  hinter uns zu lassen, und die Erfahrung zu machen, dass teilen reich macht, nicht nur den der empfängt, sondern auch dem der gibt.

 

Religion heißt „Rückbindung“ übersetzt.  Unsere Heimat ist im Himmel. Unsere Heimat ist bei Gott. Und vielleicht gelingt diesen mageren Worten, liebe Gemeinde, dann doch bei dem ein oder die anderen, dass wir unsere innersten Sehnsüchte wieder in den Blick kriegen, vielleicht bekommt der ein oder andere heute Morgen eine Ahnung davon, dass Zufriedenheit im Leben, zuerst den Frieden mit sich und Gott braucht.

 

Und es ist wichtig, liebe Gemeinde, dass wir unsere Sehnsüchte, das was uns wirklich gut tut, wieder in Blick kriegen, dass wir uns mit Jesus gemeinsam auf den Weg der Liebe begeben.

Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, der wird nicht mehr hungern…..

Und nun verstehen wir vielleicht auch die zweite Wahrheit unseres Textes, nämlich die, dass wir mit unserer Unersättlichkeit, dass wir mit unserer Sehnsuchtverlorenheit, Teil und vielleicht mit Ursache dafür sind, dass Millionen Menschen in Somalia und in den Nachbarländern hungern.

Wie wertfrei, wie sehnsuchtsverloren, wir geworden sind, liebe Gemeinde, das sehen sie daran, dass wir bereit wären unzählige Milliarden in die Rettung eines Finanzsystems zu geben, das uns im Eigentlichen kaputt macht, aber nur wenige Millionen zur Rettung von Millionen Menschen vor dem Hungertod.

Kann ein anderes Beispiel sinnbildlicher dafür sein, als dieses, dass wir auf dem falschen Weg sind, dass wir unsere Werte und Sehnsüchte irgendwo zwischen Konsum und Kommerz verloren haben?  Können wir sinnbildlicher vor Augen gestellt bekommen, wie verloren wir im eigenen System sind?

 

Es ist Zeit umzukehren. Es ist Zeit sich wieder dem Leben zu  zuwenden, das Gott schenkt und liebt.

Kommt her zu mir alle, spricht Jesus, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch neue Kraft geben. Ich bin das Brot des Lebens, wer zu mir kommt, der wird nicht mehr hungern.

Kommt auf den Weg der Liebe und verlasst den Weg der Gleichgültigkeit. Jeder ist Jesus wichtig, damit in unserer Welt, wieder Liebe erlebbar wird. Gott ist die Liebe.

Amen.

 

nach oben

zurück

KirchenvereinePfarrerKinderGemeindehausKirchePfarrbüro