Evangelische Kirchengemeinde Gedern
Kirche > Predigten > Predigt vom 01.05.2011

Predigt vom 01.05.2011

  

 

Predigt am 01.05.2011 in der Evangelischen Kirche in Gedern

 

  

(Es gilt der gesprochene Text)

 

 

Liebe Gemeinde,

heute feiern wir an einem Sonntag den 1. Mai.

Manch einer wird traurig darüber sein, dass dieser Tag der Arbeit in diesem Jahr als beweglicher „Nicht-Arbeits-Tag“ verloren geht, gleichwohl ist es für uns als Kirche ein besonderes Geschenk den Sonntag als ein besonderes Geschenk des Himmels in Erinnerung zu rufen.

Immerhin und das ist den meisten gar nicht bewusst und ich will es darum bewusst etwas überspitzt formulieren, ruft der christliche Glaube und seine Kirchen jede Woche aufs Neue dazu auf die Arbeit niederzulegen.

Und das tun wir als christliche Kirchen, zum einen, weil das Gebot der Sabbatheiligung, der Feiertagsheiligung Teil der 10 Gebote ist, nach denen wir leben möchten und sollen, und gleichzeitig auch, weil wir wissen, dass Kirche hier und jetzt geschieht, mitten in der Welt, im Dienst an Gott und den Menschen und nicht erst im Himmel.

Wir wissen nur zu gut, Menschen brauchen Arbeit, sie brauchen auch Pausen, sie brauchen Zuwendung und die Aussicht auf eine gesicherte und gute Zukunft.

Genau dies formuliert der Deutsche Gewerkschaftsbund mit seinem Motto für den heutigen Tag:

„Das ist das Mindeste! Faire Löhne-Gute Arbeit-Soziale Sicherheit“

Und darum berühren sich eben an diesem Sonntag und an diesem weltlichen Feiertag, dem 1. Mai , Himmel und Erde.

Jeder Sonntag erzählt davon, dass er ein Geschenk des Himmels ist, ein Tag zum Loslassen und zum Entspannen, ein Tag für die Familie und für menschliche Beziehungen, ein Tag sich zu erholen, körperlich, aber auch seelisch, ein Tag auch um die Nähe Gottes auf besondere Weise zu suchen.

An einem Sonntag, liebe Gemeinde, da sollen wir uns also nicht einspannen und einwickeln lassen, nicht unterdrücken und benutzen lassen. Am Sonntag ist frei, auch damit wir frei bleiben.

Dabei wissen wir, liebe Gemeinde, immer wieder gibt es starke gesellschaftliche Kräfte die uns den Himmel auf Erden gründlich vermiesen.

Zeit ist Geld, sagen sie, sprechen von flexiblen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen und wollen doch eigentlich nichts anderes als unsere Arbeitskraft rund um die Uhr.

Sie bezahlen schlecht und immer schlechter und fordern ihr Geld durch unseren Konsum gnadenlos wieder zurück.

Darum erziehen sie uns zu Geldausgebern und Konsumenten, für die shoppen ein wunderbares Hobby sein soll und haben es geschafft, dass immer mehr Deutsche den Sonntag langweilig finden, weil sie eben nicht einkaufen und shoppen  gehen können.

 

Aber es ist eine Hölle, wenn eine Gesellschaft dabei ist, die letzten verbliebenen Fenster gemeinsamer Ruhezeiten dicht zu machen. Es ist die Hölle, wenn eine Gesellschaft ihre soziale Mitte verliert und nicht mehr zur Ruhe kommt, weil die der Religion des Geldes verfallen ist.

Und das ist keine neue Erkenntnis, das wusste schon Amos, ein Prophet aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, der uns zeigt, dass es zu allen Zeiten Menschen gab, die dem schrankenlosen Profit alles unterordnen wollten.

Ihnen antwortet er in einer ziemlich zornigen Rede.

Hört dies, die ihr die Armen zertretet und die Bedürftigen des Landes zu Grunde richtet, die ihr sagt: Wann geht der Neumond vorüber, damit wir Getreide verkaufen und der Sabbat, damit wir Korn feil bieten können,

damit wir die Messbecher verkleinern und damit den Preis steigern  und die Waage fälschen, auf dass wir die Hilflosen für Kleingeld verraten und verkaufen und die Armen für ein paar billige Schuhe, auf dass wir ihnen die Spreu als Korn verkaufen.

Gott hat geschworen wegen dieser Arroganz des Hauses Jakob, dass er ihre Taten nicht  vergessen wird.

 

Liebe Gemeinde,

das ist schon eine starke Rede, zwar etwa 2800 Jahre alt und hart, aber auch erschreckend aktuell

Amos redet denen ins Gewissen, denen Profit über alles geht, denen die Armen und Bedürftigen im Land gleichgültig sind und die am liebsten auch noch am Sabbat, am Feiertag, ihren Gewinn machen möchten.

Und da fallen uns ganz sicher auch heute einige Handelsketten und Konzerne ein.

Für uns in der Kirche, wenn ich diese Botschaft des Amos in unsere Zeit übersetzen möchte heißt das: Sozialstaat und Sonntagsschutz gehören zusammen, denn arbeitsfreie Zeiten sind Menschenrecht und Gottes Wille, weil sie deutlich eine Grenze zu Ausbeutung und dem Diktat des Konsums setzen.

Kannte Amos vielleicht schon all die juristischen Tricks, mit denen heute in Deutschland Verkaufsveranstaltungen an Sonntagen ermöglicht werden? Oder waren ihm die im wahrsten Sinne des Wortes schein-heiligen Argument bekannt, mit denen Fest geradezu erfunden werden, um doch noch die Geschäfte und Läden geöffnet werden können.

Hat er schon darum gewusst, wie Ölkonzerne die Feiertage zu Preiserhöhungen nutzen, und wie Energieriesen ihre Preise heraufsetzen ohne Rücksicht auf viele Menschen, die das bald nicht mehr bezahlen können.

Ganz sicher nicht. Amos redet in einer Zeit, zu einer Gesellschaft, zu Israel, das sich selbst als religiöser Staat versteht und darum ist das in unsere säkulare Gesellschaft nicht einfach zu übertragen.

Kirchen bestimmen nicht den Rhythmus des Lebens mehr und ihre Werte stehen oft im Widerspruch zu weithin anerkannten gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, wie denen, dass Zeit Geld ist, wie denen, dass der Mensch offensichtlich nur noch Arbeitstier und Konsument zu sein hat.

Und das ist gut so. Die Krise der Kirche hat auch damit zu tun, dass sie Widerspruch erhebt, zum Beispiel nach wie vor für die Sonntagsheiligung eintritt, und darum ist die Krise der Kirche nicht selten auch die Krise einer allein noch durch die Ökonomie und ihren Gesetzen bestimmten Gesellschaft, die zwar viel vom christlichen Abendland redet, aber sich im eigentlichen schon längst davon verabschiedet hat.

Umso mehr, liebe Gemeinde, aber brauchen wir den Sonntag, brauchen wir die Zeit innezuhalten, genauso, wie das Atmen, ein Einatmen und Ausatmen zugleich ist.

Amos spricht sogar von Betrug. Davon, dass Waagen  gefälscht werden etwa. Heute macht man das etwas subtiler, aber es kommt aufs Gleiche heraus, wenn man Verpackungen vergrößert, den Inhalt aber verringert und dafür den Preis anhebt.

Amos spricht davon, dass Spreu als Weizen verkauft wird, also Abfälle als Nahrungsmittel, und das mag allen von uns bekannt vorkommen, die sich noch an den Dioxinskandal in Futtermitteln erinnern können.

Es ist schon ein Wahnsinn auf Erden, wenn wir Abfall an unsere Tiere verfüttern und Weizen in Biogasanlagen verheizen, oder? Und das kann nur passieren, wenn allein der Preis und er Profit, als Orientierung unseres Handelns noch anerkannt ist.

Und ich fürchte, wer heute ganz selbstverständlich von Leiharbeitern redet, und damit einverstanden ist, dass sie in vielen Betrieben fast die Hälfte der Belegschaft ausmachen,  wer es als selbstverständlich erachtet, Menschen als Ein Eurojobber im öffentlichen Dienst arbeiten zu lassen, der weiß schon gar nicht mehr, wie sehr in ihm die Strategie der Entmenschlichung unserer Gesellschaft wirksam ist.

Und darum werden wir als Kirche und Kirchengemeinde auch weiterhin für den Schutz des Sonntages eintreten, nicht um unserer Willen, nicht um ein Gesetz zu erfüllen, sondern weil wir wissen, dass das Gesetz für die Menschen da ist und nicht umgekehrt, weil wir wissen, dass geregelte, arbeitsfreie Zeiten notwendig sind für einen sozialen und gerechten Staat.

Und darum werden wir auch weiterhin einmal die Woche dazu aufrufen, die Arbeit nieder zu legen, innezuhalten, zu ent-spannen und zur Besinnung zu kommen.

Der Mensch ist kein Arbeitstier, er braucht sichere Arbeit, faire Löhne und soziale Gerechtigkeit.

Dafür treten wir in der Kirche ein und zwar in Gottes Namen.

Amen.

 

 

nach oben

zurück

KirchenvereinePfarrerKinderGemeindehausKirchePfarrbüro