Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Predigt vom 20.03.2011

  

Predigt am 20.3.2011 in der Evangelischen Kirche in Gedern

Predigttext: Mt.12.38-42

 

 

(Es gilt der gesprochene Text)

 

 

38] Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. [39] Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. [40] Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. [41] Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. [42] Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

 

Die Gnade Gottes, die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Amen.

 

Liebe Gemeinde

Jeder von uns steht und lebt ganz sicher noch im Eindruck der Katastrophe in Japan, der Naturkatastrophe mit Erdbeben und Tsunami, der menschlichen Katastrophe mit dem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall in einem Atomkraftwerk.

Der Wohlstand und das Wirtschaftswachstum der Erdbebenregion, Japan stand im wahrsten Sinne des Wortes auf wackligen Füßen, getragen von einem schier unglaublichen Glauben daran, alles irgendwie und auf jeden Fall beherrschen zu können. Ja, es war wahrlich ein Tanz auf dem Vulkan.

Jeder von uns hat diese Bilder gesehen und jeder von uns trauert um die zigtausend Toten und fühlt mit denen die trauern, die ihren Besitz und oft ihre Heimat verloren.

Es war, wie man oft so ohne richtig nachzudenken sagt: eine Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes. So muss das gewesen sein, als sich das Wasser des Nil zu Moses Zeiten in Blut verwandelte, so muss das gewesen sein, als die Flut zu Noahs Zeiten über die Erde kam und so hat sich Jona das wohl vorgestellt, als er der Stadt Ninive einstmals den Untergang prophezeien sollte.

Und so liegt die Frage nahe, wenn wir heute den Predigttext  hören, in dem die sogenannten Schriftgelehrten und Pharisäer ein Zeichen von Jesus forderten, ob wir in dieser mit Worten kaum zu beschreibenden Katastrophe Japans, die wer weiß auch noch eine Katastrophe der Welt werden kann, auch ein Handeln, ein Zeichen Gottes erkennen können sollen, oder nicht.

Sicher, Pharisäer und Schriftgelehrte damals wollten von Jesus ein positives Zeichen, irgendein Wunder, das er tut, damit sie glauben können, doch sie gleichen darin ein wenig dem Teufel in der Versuchungsgeschichte Jesu, der zu Jesus sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürz sich hinab, denn es steht doch geschrieben, er hat seinen Engeln befohlen, dich auf den Händen zu tragen.

Jesus weist diese Zeichenforderungen entschieden zurück, ein böses und abtrünniges Geschlecht nennte er die Gesprächspartner und die Menschen seiner Zeit. Es wird ihnen kein Zeichen gegeben werden.

Und trotzdem, liebe Gemeinde, ohne dass wir darin Gottes Zeichen sehen wollen, zeigt uns die Katastrophe in Japan doch so viel.

Sie zeigt uns zunächst, wie klein und unbedeutend, wie hilflos und ohnmächtig der Mensch, gegenüber den Kräften der Natur ist.

Immer wieder habe ich es gehört und gelesen in diesen Tagen: Mit diesen Wassermengen des Tsunami habe man nicht rechnen können, gegenüber der Kraft und Geschwindigkeit der Wellen sei man machtlos gewesen, das habe man nicht vorher sehen können.

Sicher man wusste, dass man in Japan, diesem Giganten des Wirtschaftswachstums, in einer für Erdbeben besonders gefährdeten Region lebte, aber sowas habe man einfach nicht vorher sehen können.

Es ist heute nicht die Zeit, schuldig zu sprechen, Schuldige zu suchen, zu groß ist die Trauer und das Entsetzen, zu unermesslich das Leid der Menschen in Japan, gleichwohl zeigt es, dass der Mensch, so sehr er sich bemüht, der Natur Herr zu werden, Gottes Schöpfung zu beherrschen und kontrollieren, scheitern muss.

Wenn uns dieses fürchterliche Erdbeben, wenn uns diese alles zerstörende Flutwelle danach, irgendetwas zeigen sollte oder wollte, dann dies: Dass wir Menschen nicht die Herrscher dieser Welt sind, dass wir nicht alles beherrschen und uns Untertan machen können, dass wir lernen müssen mit der Natur und nicht gegen sie zu leben. Wenn diese Katastrophen irgendeine Botschaft haben, liebe Gemeinde, dann mag es ein eindringlicher Ruf zur Umkehr und zur Demut sein, der freilich nicht nur den Menschen in Japan gilt, sondern uns allen.

Und fast fühlt man sich in die biblischen Zeichen des Jona versetzt, der den Bürgern Ninives wegen ihres Verhaltens den Untergang verkündigen sollte, der die Bürger Ninives zur Umkehr rufen sollte, und man mag die Angst des Jona davor verstehen. Er kneift, er tut es nicht, er hat Angst vor den Menschen Ninives, vor den Menschen dieser glänzenden und blühenden Handelsmetropole, die alles zulassen würden, nur nicht eine Störung ihres Lebens in Saus und Braus.

Ich halte die Angst des Jona für menschlich und verständlich und für vergleichbar mit unseren Zeiten.

Wer will sich hier zur Umkehr rufen lassen? Wer will hören, dass es so nicht mehr weitergeht?

 Wer wird nicht darauf verweisen, dass so was nur in Japan passieren könne, dass wir in Deutschland keine Tsunamis zu befürchten haben, dass unsere Atomkraftwerke viel sicherer seien und auf alle Eventualitäten vorbereitet, dass wir kein Erdbebengebiet sind und vieles mehr?

Und dann wird es weitergehen wie bisher. Das Wirtschaftswachstum wird unser Alltagsziel sein, die Börse in Frankfurt unser Stimmungsbarometer,  und nach nur wenigen Wochen wird uns der gestiegene Benzinpreis mehr beschäftigen, als das Leid der Menschen in Japan.

Und doch  verspüre ich heute den Auftrag Gottes zu sagen:

Es ist Zeit zur Umkehr! So kann und darf es nicht mehr weitergehen. Die Gier nach immer mehr, diese Sucht nach immer mehr Wohlstand, die immer mehr Opfer fordert, diese kapitalistische Art die Welt zu sehen, die zu einer Gleichgültigkeit gegenüber den vielen Armen und Hungernden führt, wird uns in den Abgrund führen und sie tut es schon mit der Hälfte der Menschheit.

Wer wagt es die eben gerade so überstandene Krise der Finanzmärkte mit ihrer unermesslichen Gier nach immer mehr in einem Zusammenhang mit der Katastrophe der führenden Wirtschaftsmacht zu sehen?

Wie lange wird das gut gehen, wie lange werden sich diese Menschen unsere egoistische Gleichgültigkeit eigentlich noch gefallen lassen.

Es ist Zeit demütig zu werden und den Versuch zu wagen Gerechtigkeit über Profit zu stellen, es ist Zeit demütig zu werden in einer Welt in der jede sieben Sekunden ein Kind an Unterernährung , mangelnder medizinischer Versorgung und verunreinigten Zugängen zu Wasser stirbt, während bei uns dreißig Meter Hundefutter aus bestem Fleisch zu jedem halbwegs gut sortierten Supermarkt gehören.

Es ist Zeit nicht mehr den eigenen Wohlstand alleine in den Blick zu nehmen, sondern zuerst darauf zu achten, welche Welt wir eigentlich unseren nachfolgenden Generationen überlassen. Wie wollen wir eigentlich unseren Kindern erklären, dass wir etwa vierzig Jahre Atomkraftwerke betrieben, danach irgendwie einsahen, dass sie gefährlich sind und dass Wind und Sonne eben auch Energie erzeugen, und dass unsere Kinder und Kindeskinder nun die nächsten zigtausend Jahre irgendwie mit dem strahlenden Müll leben müssen, mit dem wir in Wirklichkeit nicht wussten, wohin damit?

Reminiscere! So, liebe Gemeinde, heißt dieser Sonntag und er geht auf Worte des 25 Psalms zurück, den wir vorhin zusammen beteten: Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Der Herr ist gut und gerecht und er weist denen, die falsch taten und lebten den Weg.

Umkehr,  liebe Gemeinde, in diesem Sinne hat natürlich etwas damit zu tun, dass ich innehalte, hat damit zu tun, dass Fortschritt auf Teufel komm raus, mich nicht wirklich nach vorne bringt.

Umkehr, liebe Gemeinde, in diesem Sinne hat etwas mit dem demütigen Versuch zu tun, die Welt und meine Umgebung mit den Augen Gottes zu sehen.

Wir werden drei Kinder taufen in diesem Gottesdienst. Welche Welt werden wir ihnen eigentlich übergeben? Und welche Werte werden wir ihnen versuchen vorzuleben?

Sehen wir in diesen Kindern Gottes Kinder?  Sehen wir ihnen die Fleisch gewordene Liebe Gottes für diese Welt?

Wenn wir sie taufen, dann  doch auch deshalb, weil wir eine enge Beziehung zwischen Gott und diesen Kinder sehen, weil wir hoffen, sie mögen in ihrem Leben immer auch in Beziehung bleiben zu Gott und es nicht den vielen nachmachen, die die Beziehung zu Gott längst verloren haben, die nur noch sich selbst im Blick haben.

Aber wer nur noch sich selbst sieht verliert auch den Mitmenschen und Gott aus dem Blick.

Wir haben alle miteinander Grund zu beten: Reminsiscere

„Gedenke Herr an deine Barmherzigkeit und Güte“, das beten wir für die vielen Menschen in Japan und das beten wir für uns in der Hoffnung dass eine Umkehr möglich ist.

Viel mehr Zeichen, dass uns unser Weg geradewegs in den Abgrund führen wird, werden wir nicht bekommen.

Amen.

 

 

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