Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Die Gederner Kirche - Vortrag vom 29.06.1966

 

Die Gederner Kirche

(Vertrag, gehalten anlässlich der Tagung der ev. Religionslehrer des Bezirkes Gedern in Gedern am 29.06.1966)

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich habe es gerne übernommen, Ihnen heute anlässlich unserer Arbeitstagung etwas über unsere Gederner Kirche zu sagen, obwohl, das möchte ich gleich vorwegschicken, es nicht leicht ist, einen programmfüllenden Vortrag darüber zu halten, dafür ist die Gederner Kirche zu nüchtern; Deswegen werde ich mir erlauben, hier und da auch ein paar Gedanken über den Kirchenbau überhaupt zu sagen.

Der Überzeugung, dass Kirchenbau umbauter Gottesdienst sei, verdanken wir die mächtigen Dome, die Stiftskirchen, die Münsterkirchen, aber auch die unendliche Zahl großer und kleiner Gemeindekirchen aus tausend Jahre christlicher deutscher Geschichte. Jahrhunderte lang bestimmten Kirchtürme, alle Häuser hoch überragend, die Silhouette unserer Dörfer und Städte. Bis die neue Zeit neue Akzente setzte. Hochhäuser und Fabrikschornsteine überwuchsen vielfach die Kirchen, der Mittelpunkt, den die Kirchen früher bildeten ist überlagert, überschattet, verdrängt. In vielen deutschen Städten wurde nach dem Kriege und nach der Währungsreform; in baulicher Hinsicht eine Umstrukturierung der Städte und damit auch der Kirchenbauten bedingt. Vielfach wurde das frühere Zentrum entvölkert, neue Wohnviertel wurden am Stadtrand erschlossen, und dadurch die Erbauung neuer Kirchenmittelpunkte, diesmal aber an der Peripherie nötig. Hierbei erhielten nun die Kirchenarchitekten ein reiches Betätigungsfeld und die, Ihnen sichtlich auch schon auf Bildern begegneten, neuen Kirchenbauten lassen erkennen, dass sich manche Architekten so richtig ausgetobt haben, als sie den Auftrag erhielten, das Gehäuse für die Suchenden zu errichten. An die Stelle des mächtigen mittelalterlichen Gotteshauses, das mit den angelehnten Stiftskloster oder kirchlichen Verwaltungs- und Wohngebäuden einen abgegrenzten, oft sogar mit einer Mauer, fest umschlossenen Bezirk innerhalb der Stadt darstellte und damit die geistliche, häufig auch die weltliche Macht des Bischofs über die Bürger dokumentierte, ist im heutigen modernen evangelischen Kirchenbau der Gedanke des Gemeindezentrums getreten. Nicht um zu herrschen, sondern um dem Gemeindeleben zu dienen, werden Kirche, Gemeindesaal, Jugendräume, Schwesternstation, Kindergarten, Küsterwohnung und Pfarrhaus zu einem organischen Baublock zusammengefasst, der in seiner Ausdehnung und Ausgestaltung im allgemeinen der Größe und den Erfordernissen der jeweiligen Gemeinde entsprechen muss. In Gedern sind wir in der glücklichen Lage, dass man schon allein vom Grundstück her diese Idee vertreten kann, ja was Kirche und Pfarrhaus betrifft, auch in früherer Zeit Wirtschaftsgebäude, schon vertreten hat. Es ist vielleicht interessant zu wissen, dass man, zumindest in den Städten, den heutigen Kirchenbauten etwa 5-10 % der Seelenzahl an Sitzplätzen, zurechnet, während das Verhältnis umbauter Raum zu der Seelenzahl etwa 1 zu 1 betragen wird.
Die Kirche wird so als geistige Mitte und baulicher Schwerpunkt des Gemeindelebens sichtbar. Sie repräsentiert, unterstützt durch den Glockenturm das Gemeindezentrum als für die evangelische Gemeinde von heute typisch gewordene Stätte der vielseitigen Begegnungen ihrer Glieder unter der Botschaft des Evangeliums. Die Urzelle des Gemeindezentrums aber, zugleich ein Charakteristikum des evangelischen Kirchenbaus ist die Kirche mit dem unmittelbar angeschlossenen Gemeinderaum, die erweiterbare Kirche. „Auch hier wären wir schon in Gedern, wenn wir den unter diesen Türen liegenden zwar bescheidenen Gemeinderaum in Betracht ziehen, der Zeit und den Kirchenbauarchitekten weit voraus.
Während man im Mittelalter einen bestimmten Kirchenstil kannte, ja man von einem hessischen oder von einem rheinischen Kirchenhaustil sprechen konnte, lassen die heutigen Kirchenbauten so etwas wie einen Stil vermissen. Der moderne Kirchebau kennt landschaftliche Sonderformen des Stils nicht. Wie im Profanbau bestimmen die internationalen Baustoffe Beton, Stahl, Glas die Möglichkeiten der Formgebung. Und auch diese selbst ist bei aller Individualität der künstlerischen Handschrift des Architekten international. Einen hessischen Stil gibt es daher ebenso wenig wie einen deutschen Kirchebaustil. Das lassen schon die vielseitigen Probleme nicht zu. Sie rühre einmal aus den äußeren Gegebenheiten her. Die Kirch muss sich einfügen, in das Straßenbild, manchmal, sogar in eine Baulücke zwischen Hochhäusern. Das bedeutet Abkehr von überlieferten Bauformen und Baustoffen. Bedeutet; moderne Kirchen .in aller Freiheit und Gesetzmäßigkeit heutiger Technik zu bauen; das schränkt auch die Funktion des Turmes als weithin sichtbares Zeichen und Träger der über die Dächer hinweg rufenden Glocken ein. Doch auch in einheitlich geplanten Wohnsiedlungen oder in ländlichen Bezirken zwingt die Ehrlichkeit der Baugesinnung zum Verzicht auf traditionelle Formgebung. Als wir vor wenigen Jahren unsere Kirche renovierten löste die aus lichttechnischen Gründen notwendige Beseitigung der auf einigen Rundbogen ruhenden Empore und deren Ersetzung durch die jetzt niedriger liegende, auf gradlinigen Backsteinpfeilern ruhenden Empore bei vielen Gemeindemitgliedern ein Sturm der Entrüstung aus. Intersanterweise waren deren Gemüter am meisten erregt, die selten oder nie die Kirche mit den Rundbögen, pseudoromantischen Stils, gesehen hatten. Aber ihre Kirche war demoliert worden. Aber zum Glück für den renovierfreudigen Gederner Kirchenvorstand war bei der seit 1947 bestehenden und in ihrem Äußeren jetzt noch erhaltenen Gederner Kirche kein besonderer Baustil vorhanden und der Einspruch des Denkmalspflegers blieb aus. So kann man mit Freude sagen: Das Innere der Gederner Kirche ist dem heutigen Bedürfnis angepasst und der Gedanke scheint verwirklichet worden zu sein. Die Kirche soll dem Menschen dienen, sie soll Stätte der Begegnung mit dem Nächsten und mit Gott sein. Wenn dieser Gedanke breiteren Raum einnimmt, dann erst wird die Gemeinde aus der anonymen Teilnahme zur persönlichen Mitwirkung an Gottesdiensten und Gemeindeleben gerufen wird zum Bekenntnis miteinander und zueinander aufgefordert. Das soll nun nicht heißen unsere schönen alten Kirchen hätten für die heutige Zeit ihren Zweck verfehlt, beileibe nicht. Aber könnten sie sich vorstellen, ein Kirchbauer von heute würde nach dem Stil der Karolinger, dem Stil der Staufer, des Barocks oder des Rokkokos eine Kirche bauen?

Nun aber zur Gederner Kirche.

Es ist nicht genau nachzuweisen, wann sie gebaut wurde. Die jetzige steht seit dem Jahre 1847. Davor stand eine gotischen Baustils aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts. Da aber in einer Urkunde aus dem Jahr 796 eine Gederner Kirche erwähnt wird, muss also zu dieser Zeit an dieser Stelle schon eine gestanden sein. Damals wurde die Gederner Kirche mit 8 Hörigen dem Kloster Lorsch geschenkt. Man stellte sich damit unter den Schutz des reichen und mächtigen Klosters im Frankenreich. Ob man sich damit dem Machtbereich aus dem Norden und damit dem Machtbereich des Klosters Fulda entziehen wollte, kann nur angenommen werden. Daraus ergibt sich die große Frage: Wer brachte das Christentum nach Gedern? Franken aus dem Süden oder Iro-schottische Mönche aus dem Reich des Klosters Fulda. Auf jeden Fall war die Gederner Kirche eine der ältesten und wichtigsten in der hiesigen Gegend. Sie war die Pfarrkirche für benachbarten Ortschaften. Im Jahre 1016 wurde Wingershausen als Kirchteil abgetrennt und die dortige Kirche eingeweiht. Burkhards kam zu dieser Wingershäuser Kirche, das heißt hier saß der Pfarrer. Die Burkhardser werden die nach 754 erbaute Marzellinuskapelle, der heutigen Stumpen Kirche im Niddergrund besucht haben, währen der Wingershäuser Pfarrer nach dorten zu marschieren hatte, bis die Burkhardser eine eigene Kirche erhielten, zuerst die im Niddergrund dann eine auf dem heutigen Burkhardser Friedhof und später die jetzige im Dorf.

Die Gederner Kirche aus dem Jahre 75o muss wohl wie die Kirche im Niddergrund eine Holzkirche gewesen sein, jedenfalls wurde gegen Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine festere Kirche und dem Baustiel der damaligen Zeit entsprechend eine gotische Kirche gebaut. Reste davon sind nur noch im Turm zu sehen - gotisches Eingangstor und auch das gotische links vom Turmeingang ersichtlichte Gehäuse für eine Muttergottesfigur, daher der Name Gederner Marienkirche. Betrachte man die starken Mauern des Turmes und denkt man sich noch eine den um die Kirche gelegenen Friedhof starke umgebende Mauer dazu, dann müssen das damals für Gedern oder überhaupt in deutschen Landen unsichere Zeiten gewesen sein. So stritten sich auch die Erben des Verwalters des Büdinger Bann forstes um das Erbe Gedern und die Nachbarschaft mit dem unter Büdinger Einfluss stehenden Wenings war nicht so ohne. Zu dieser Zeit gehörten in den Bereich der Gederner Mutterkirche Ober- Mittel- Niederseemen und Volkartshain. Vielleicht darf an dieser Stelle einmal gesagt sein, dass man sich schon darüber Gedanken macht, den damaligen Mittelpunktscharakter, den Gedern im kirchlichen Räume hatte wieder herzustellen, indem man durch den Pfarrermangel bedingt, eine Anzahl von Gemeinden von einem Mittelpunkt aus betreut. Der Turm der Gederner Kirche ist also als Wehrturm anzusehen, das beweisen auch die Schießscharten.

Allerdings fehlt auch hier die aus dem 15. Jahrhundert stammende gotische Spitze des Turms, weil einige Reparaturen notwendig geworden waren und man einen anderen Helm baute. Bis 1843 war die, Kirche, wie ich sie eben erwähnte in Benutzung, ab da wurde sie  wegen Baufälligkeit gesperrt, nachdem auch noch während der Predig im Gottesdienst zum 1. Pfingstfeiertag, genauer während des Singens des Eingangsliedes Nr. 4 die im nördlichen Kreuzarm sich befindliche und vom Singverein dicht besetzte Empore herunterbrach. Nach einigen Gottesdiensten im großen Saal des hiesigen Schlosses, konnte nach Herrichtung des Schafstalles, der heutigen Turnhalle, dort für die Zeit bis 1847 Gottesdienst abgehalten werden. .Ich muss aber noch ein wenig von der alten aus dem 15. Jahrhundert stammenden Kirche und ihrer Pfarrer berichten. Bis zur Einführung der Reformation - 1559 - befanden sich in der Gederner Kirche mehrer Altäre und Heiligenfiguren. Nach der Einführung, muss in Gedern ein Bilderstürmer gewesen sein, denn 1544 verweigerte der die Gemeinde Gedern dem Pfarrer Leo Arecius ein Abgangszeugnis, weil er ein Bilderstürmer gewest und hett etliche Heiligen aus der Kirche genommen und verbrent. Schon 1410 muss eine bedeutende Reparatur am Turm der Kirche vorgenommen worden sein, denn die Genehmigung einer Reichscollekte zur Reparatur der uralten Kirche in Geudern war dafür bestimmt. 1737 und 1738 war es wieder der Oberturm der Kirche, der den Gederner zu schaffen machte und durch eine ansehnliche Spende von Holz und Bargeld durch den damaligen Gederner Grafen Friedrich Sarl zu Stolberg-Gedern möglich gemacht. Die Dokumente über diese aus dem Jahr 1738 stammenden Turmreparatur befinden sieh im Kirchturmsknopf. Als man 1919 weitere Reparaturen am Turm vornahm fand man in einer Blechhülse eine Urkunde aus dem Jahre 1758 mit dem Namen des damals tätigen Dachdeckers.

1743 wird der Kirchenhimmel mit Dielen beschlagen und geweist, eine 2. Glocke gegossen und von Windecken herauf gefahren. 1754 wird die große Glocke neu gegossen. Sie trägt die Inschrift; Soli Deo gloria.

1756 wurden einige heilige Geräte gestiftet, so 5 Zinnkannen, ein Taufbecken - übrigens stammt das dort stehende Taufstein aus der alten gotischen aus dem 13. Jahrhundert stammenden Kirche. Ein vergoldeter Becher für Abendmahle. 1774 stürzt das Dach auf die Sakristei, eine Reparatur wird dann nötig. Die Kirche zerfiel immer mehr, es konnten auch keine im Jahre 1828 errichteten Stützpfeiler um die Kirche helfen, es war nur Flickwerk. Im selben Jahr wird auch die Sakristei, die bis dahin an der Nordseite der Kiche gelegen war und für den Geistlichen als Aufenthaltsraum ein Zumutung war - Die Sakristei ist ein altes, tief gelegenes, kellerartiges und der Gesundheit des Geistlichen durchaus gefährliches Behältnis und der Geistliche muss um deswillen in ein einem daran angebrachten, engen, sehr beschwerlichen und ungeeigneten Pfarrstuhl seinen Aufenthalt nehmen. Die auf die Gesundheit zu nehmende billige Rücksicht erfordert daher, dass hierunter eine dem Lokal angemessene abändernde Einrichtung getroffen und für einen passenden Aufenthalt des Geistlichen gesorgt werde. Seit dieser erfolgreichen Eingabe also bis auf den heutigen Tag die Sakristei an der Nordseite der Kirche. 1843 wurde dann die Schließung wegen Baufälligkeit verfügt, obwohl nach Vorsichtsmaßregeln noch einige Gottesdienste gehalten wurden. In diesem Zusammenhang denke ich an die wohl in die selbe Bauzeit fallende Kirche der Johanniter in Unterlais, in der heute noch Gottesdienst abgehalten wird unter solchen Umständen, die den Verantwortlichen schaflose Nächte bereiten müsste. Das ist ansehenswert. Im Herbst 1843 wurde die gotische Kirche abgebrochen, übrig blieben der Turm, der Taufstein und ein Stück eines Spitzbogens eines Fensters. Der Neubau fand reichste Unterstützung durch das Gederner Fürstenhaus, der Bauplan wurde entworfen von dem großherzoglichen Baumeister Gladbach aus Nidda. Am 17. Juli 1845 fand dann die; feierliche Grundsteinlegung statt. Wie wäre ich froh, wenn ich Ihnen die in dieser Ecke eingemauerte Büchse mit den darin befindlichen Einlagen zeigen könnte: Historische Nachricht vom Ort und von der Kirche zu Gedern. Genealogie des Gräflichen Hauses Stolberg-Wernigerode. Verzeichnis sämtlicher Angestellten zu Gedern der beim Bau beschäftigten Handwerker. Das letzte Kreisblatt mit damaligen Brot- und Fleischtaxen verschlossene Gläser mit sämtlichen hier gezogenen Früchten, Weiß- und Schwarzbrot. Münzen: 1 Ducat von Gräfliche Stolbergischem Gepräge sowie alle Silbermünzen. Plan und Voranschlag der gebauten Kirche. Programm für die Feierlichkeiten bei der Grundsteinlegung und die damals gehaltene Rede. Am 30 Juli 1846 war das Dach gerichtet und am 7. November 1847 fand die feierliche Weihe statt, Vollzogen vom Superintendenten Dr. Simon. Der Einzug vollzog sich durch das Hauptportal, das nun jetzt nach der letzten Renovation nur hoch von außen sichtbar ist. Die Kosten betrugen einschließlich Abbrucharbeiten 38.280 Gulden und 28 1/2 Kreuzer. Die letzte Renovation kostete ohne Orgel rund 200 Gulden. Interessant ist vielleicht, dass neben den vielen Geldspenden man auch Geld erlöste durch, den Verkauf beispielsweise eines Zinnsarges aus der Fürstengruft für 237 Gulden. Weitere Ereignisse von geringer Bedeutung. An historisch wertvollen Kunstgegenständen besitzt die Gederner Kirche, wenn: man von den wenigen erhaltenen Grabsteinen absieht, so gut wie gar nichts. Wohl aber steht die Kirche, das Gehäuse ffür die Suchenden, von dem ich eingangs sprach, dennoch eine würdige Stätte der Einkehr und der Besinnung und Begegnung mit dem Nächsten. Eine Zuflucht für die Hilflosen und Verzweifelten, für die Zagenden und für die Dankbaren, eine Stätte derer, die das Soli Deo gloria , wie es eine unserer Glocken als Inschrift trägt höher schätzen als das hastige Getue unserer Zeit. Eine Stätte, zu deren Bau man vor 120 Jahren große Opfer brachte, in der wir heute Ruhe finden können, nach des Alltags Mühe, Not und Last. Ist unsere Kirche auch kein kulturhistorischer Ort, so ist sie doch ein Zeichen in unserer Zeit, das nicht übersehen werden kann und das uns mahnt: Hier haben die Vorfahren ein Werk geschaffen, komme du und, wirke nun darin.

 

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