Evangelische Kirchengemeinde Gedern
Kirche >Berichte im Kreianzeiger vom 05.15.2015

Berichte im Kreisanzeiger vom 05.12.2015

 

 

Momente der Stille und des Nachdenkens

 

Von Elke Kaltenschnee

 

AUFRUF Evangelische Kirchengemeinde Gedern bietet ab Montag regelmäßig Friedensgebete an / Pfarrer Kurt Johann erläutert die Hintergründe

 

GEDERN - „…Der Frieden ist so ein gar brüchig Ding… Wir stehen machtlos da vor Waffen und Gewalt. Wir suchen Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, doch währenddessen bricht die Welt entzwei.“ So beginnt ein Gebet auf der Internetseite der Evangelischen Kirchengemeinde Gedern. Auf derselben Seite lädt die Gemeinde zu einem „Friedensgebet für Zuversicht, Nächstenliebe, Mut und Achtung der Menschenwürde“. Der Kreis-Anzeiger hat mit dem Gederner Pfarrer Kurt Johann gesprochen, um zu erfahren, warum und wo er den Frieden gefährdet sieht und was es mit den geplanten Gebeten auf sich hat.

 

Herr Johann, was ist das überhaupt, ein Friedensgebet?

 

 

Friedensgebete haben eine lange Tradition. Sie gehen zurück auf die Friedensbewegung in der DDR. Es gab sie in Leipzig ab 1982 und später auch in anderen Städten, zum Beispiel in Dresden. Vor allem vor der Wende boten sie den Menschen einen Raum für Besinnung und Austausch. Als US-Truppen 2003 im Irak einmarschierten, fühlten wir als Kirchengemeinde, dass es wieder an der Zeit für Friedensgebete ist. Es sind gemeinsame Gebete vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Krieg und Gewalt.

 

Ist das eine Aktion zur Weihnachtszeit?

 

Nein, überhaupt nicht. Wir wollen dauerhaft alle zwei Wochen ein Friedensgebet anbieten. Denn wir sehen, dass diese Idee gut angekommen ist. Der Beginn der Friedensgebete so kurz vor Weihnachten ergibt sich daraus, dass wir so zügig wie möglich starten wollten.

 

Warum halten Sie Friedensgebete für notwendig?

 

Frieden ist auf vielfältige Weise gefährdet. Zum einen wegen der Kriege, die so viele Menschen zur Flucht zwingen. Zum zweiten habe ich das Gefühl, dass die Gesellschaft auseinanderfällt. Um dagegen etwas zu tun, wollen wir Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Vor allem möchten wir Menschen Mut machen, die sich für den Frieden und für Flüchtlinge engagieren. Wir wollen sie und ihre Sorgen ernst nehmen. Zum dritten hat sich durch die Terroranschläge eine gefährliche Dynamik entwickelt: 1200 deutsche Soldaten gehen nach Syrien. Deutschland liefert Waffen dorthin. Unsere Regierung tut genau das, was die Terroristen erwarten. Terror gedeiht auf Chaos. Vor dem Terror steht immer Krieg und Zerfall. Diese Entwicklung hat die Welt schon im Irakkrieg erlebt. Man kann ISIS nicht so weitermachen lassen, aber Krieg ist keine Lösung. Zum vierten sehen wir den sozialen Frieden in Gefahr. Gruppierungen wie Pegida oder die Äußerungen des bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer sind gefährlich, aber nicht jeder, der Sorgen und Ängste hat, ist gleich ein Nazi. Wir haben kein Flüchtlingsproblem. Wir haben ein Bürokratieproblem. Anders als bei der deutsch-deutschen Wiedervereinigung wird immer nur akut gehandelt. Es gibt es kein Konzept. Jede Kommune wurstelt für sich. Die Bürokratien sollten sich endlich vernetzen. Hier in Gedern funktioniert die kleine Verwaltung sehr gut. Aber der Kreis fühlt sich vom Land allein gelassen und das Land vom Bund. Geld für einen Krieg zur Verfügung zu stellen dauert in unserem Land zwei Tage. Aber Geld an den Welternährungsfonds zu überweisen, damit die Menschen in den Flüchtlingslagern im Nahen Osten etwas zu essen und zu trinken haben: Das dauert unfassbar lange. Wir müssen uns als Menschen und Gesellschaft der Logik des Krieges entziehen.

 

Wen möchten Sie mit den Friedensgebeten ansprechen?

 

Wir laden jeden ein, ganz bewusst über Gedern hinaus. Menschen, die sich mit der Thematik beschäftigen oder in der Friedens- oder Flüchtlingsarbeit tätig sind. Auch Moslems sind willkommen, wenn sie an einem christlichen Gottesdienst teilnehmen möchten. Das ist ja nicht selbstverständlich. Wir sprechen zum einen die Ehrenamtlichen an, die mit Flüchtlingen arbeiten. Wir wollen aber auch die Menschen erreichen, die sich sorgen oder Angst haben. Nicht jeder, der mit Flüchtlingen nichts zu tun haben will, ist auch ein Rechter.

 

Was wollen Sie erreichen?

 

Auf den ehrenamtlich Engagierten lastet ein ziemlich hoher Druck, deshalb werden es auch immer weniger statt mehr. Wir wollen Mut machen. Manchmal sind Momente der Stille und des Nachdenkens in dieser ganzen Schreierei wohltuend. Wir wollen damit ein Angebot machen, um über Menschenwürde nachzudenken. Über die Frage: „Was ist der Mensch?“, aber auch über die Frage: „Woher und warum kommen Flüchtlinge zu uns?“

 

Nennen Sie mir einen Grund, warum jemand am 7. Dezember zum Friedensgebet kommen soll.

 

Weil er oder sie Teil einer Bewegung für den Frieden sein will und weil ich davon überzeugt bin, dass es in relativ naher Zukunft Situationen geben wird, in denen Menschen, Christen, ganz eng zusammenstehen müssen.

 

HINTERGRUND

 

Unter dem Motto „We shall overcome“ finden in der evangelischen Kirche in Gedern ab dem kommenden Montag, 7. Dezember, vierzehntägig „Friedensgebete für Zuversicht, Nächstenliebe, Mut und Achtung der Menschenwürde“ statt. Sie beginnen jeweils um 19.30 Uhr und dauern 30 bis 40 Minuten. Am 7. Dezember wird der Gospelchor der Kirchengemeinde singen – unter anderem das Lied „We shall overcome“. Pfarrer Kurt Johann und der Kirchenvorstand laden Interessierte über die Gemeindegrenzen Gederns hinaus dazu ein, die zukünftigen Friedensgebete aktiv mitzugestalten. Weitere Informationen gibt es auf www.evkirchegedern.de und telefonisch unter der Rufnummer der Kirchengemeinde 06045/1205. (elk)

 

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