Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Eigener Bericht vom 20.12.2013

 

 

Pfr. Konrad Schulz             

Vors. ACK Wetterau

61184 Karben

Pfarrgasse 1

Tel.: 06039-3462

Fax: 06039-939177

email: k.w.schulz@gmx.de  

 

 

Karben, den 21. Dezember 2013

 

Liebe Freunde der ACK Wetterau,

Seit langem habe ich Kontakt mit der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Bad Vilbel. Und so erhielt ich einen Anruf mit der Bitte, ob ich Gespräche mit dem syrisch-orthodoxen Erzbischof Selwanos und Pater Luca von der Marienkirche Homs organisieren könnte.  So kam es kurzfristig zu einem Gespräch im Gemeindehaus der Friedberger Gemeinde mit einer Gruppe von Leuten, die über Email und Zeitung davon gehört hatten, unter ihnen syrisch- und rum-orthodoxe Christen, Leute aus der Stadtmission und ev. Gemeinden. 

 

"Wir gehören zu verschiedenen Kirchen, aber wir sind ein Leib" begann der Erzbischof seinen erschütternden Bericht. "Gut, dass ihr da seid und erfahrt, was geschieht in Syrien. Die Realität ist schlimmer, als was in den Medien berichtet wird.  Da geht es nur um das Regime von Assad und die Oppositionellen. Ganz Syrien brennt. Die Opfer sind die Armen. Es gibt immer mehr gezielte Angriffe auf Christen. Wir sitzen zwischen den Stühlen. Wir sind die ursprüngliche Bevölkerung im Land. Wir waren lange vor dem Islam hier. Aber man sagt uns, was habt ihr hier zu suchen? Man setzt uns unter Druck, dass wir auswandern. Tradition und Sprache leiden, kaum einer spricht noch Aramäisch. Es gab einmal 20.000 christliche Familien in Homs, 20 Kirchen und 20 Priester. Wir hatten gute Beziehungen zu unseren muslimischen Nachbarn. Aber schon bevor die jetzige Krise in Homs begann, konnte man einen wachsenden Fundamentalismus bemerken.

zerstörte Marienkirche Homs

 

Im Februar 2012 begannen die Auseinandersetzungen in Homs. Inzwischen sind 200.000 Christen vertrieben, alle Regierungssoldaten in der Stadt getötet, die Altstadt ist abgeriegelt und in der Hand von ausländischen Milizen. Niemand kommt heraus oder hinein. Es gibt noch 100 Christen dort, die von dem Jesuitenpater Franz betreut werden. Viele waren mit uns in die kleine Stadt Sadad geflohen. Da alle Kirchen und kirchlichen Gebäude einschließlich des Bischofssitzes zerstört sind, haben wir die Hoffnung auf Rückkehr vorerst aufgegeben."          

Sadad ist die Heimatstadt von Bischof Silwanos. Früher waren alle Einwohner Syrisch-orthodoxe Christen. Und die Stadt galt als die Mutter des Bistums, Lehrer gingen von ihr aus in die Dörfer... Sie liegt mitten in der Wüste und war strategisch unwichtig. Trotzdem kamen im Oktober 3.000 Kämpfer aus dem Gebirge herunter und besetzten die Stadt. Viele flohen, andere wurden gezwungen zu bleiben. Alle Hilferufe an die Welt verhallten ungehört.  Als die Milizen die Stadt wieder verlassen hatten und wir zurückkehren konnten, waren 45 Tote zu beklagen und viele Verletzte. Zwar haben manche versucht ihre Häuser wieder aufzubauen, aber sehr viele sind zerstört, geplündert. Viele Familien haben alles verloren, nichts zu essen, keine Arbeit, kein Dach über dem Kopf. Auch in Sadad ist es inzwischen für viele zu gefährlich geworden. Der Bischof und viele andere sind inzwischen weitergezogen nach Fairouzeh. Aber auch dort gab es Überfälle, Tote und Verletzte...

 

"Alles ist unsicher, wir haben das wachsende Gefühl, das immer wieder speziell Christen angegriffen, beraubt, ermordet werden und christliche Viertel gezielt zerstört werden. 12 Nonnen und 4 Priester wurden erschossen, 500.000 Christen haben das Land verlassen. Der Staat schützt uns nicht. Zwar gibt es auch Christen bei der Opposition, aber sie haben keine Stimme. Syrien erlebt unendliches Leid, Hunger, Separierung in verschiedene Gruppen; immer mehr islamistische Gruppen aus verschiedenen Ländern machen sich breit, mit denen wir nicht reden können. Die Zukunft ist ungewiss. Das Volk ist müde.

Wir hoffen auf Genf 2, vielleicht kann es eine christliche Delegation geben, denn die christliche Stimme und die Rechte der Christen sollten nicht untergehen. Vielleicht kann man darauf hinwirken, daß weniger Waffen ins Land kommen. Wir waren es gewohnt unbewaffnet zu sein, aber einige bewaffnen sich nun auch, denn Tod und Vertreibung drohen uns ständig. Wir wollen nicht auswandern. Dies ist das Land unserer Väter, aber wir wollen die Zukunft für unsere Kinder sichern."

 

Die Kirche hat es schwer. Es gibt zwar Beziehungen zur Regierung und auch zu einigen Milizen, wo Syrer kämpfen, aber Übergriffe erfolgen überwiegend von militanten Gruppen, die ins Land gekommen sind. Natürlich gibt es auch einige ehemalige Nachbarn, die da jetzt gegen uns sind.  Die Zukunft sieht der Bischof düster. Christen werden immer weniger im Land. Die Region um Aleppo ist völlig von islamistischen Milizen kontrolliert. An der Grenze zur Türkei kämpfen Verbände von Al Nusra darum, den einzigen Übergang unter Kontrolle zu bringen, damit sie ungehindert Kämpfer und Waffen ins Land bringen können. Die Verbindungen im Land sind schwierig. es gibt keine Flugverbindungen mehr, und die Landwege sind sehr unsicher geworden. Überall muss man mit Anschlägen rechnen.  Konfessionelle Hetze gegeneinander und islamistische Gruppen nehmen immer mehr zu. Trotzdem kümmern sich die Kirchen nicht nur um die eigenen Leute. In der Mariengemeinde von Pater Luca wurden lange auch 1300 muslimische Flüchtlinge aufgenommen und versorgt. Hilfe für alle Menschen, nicht nur für Christen wird gebraucht. Und doch spürt man im Gespräch immer wieder die Angst, dass die Christen vergessen werden könnten, auch in Europa.

"Wir sind froh," sagte der Erzbischof, "dass Deutschland 5.000Kontingentflüchtlinge aus Syrien aufnehmen will, aber," fügte er bitter hinzu, "darunter werden wohl nur wenige Christen sein. Sie sitzen fest in den Lagern, werden kaum berücksichtigt; die bürokratischen Hindernisse sind für viele fast unüberwindlich. Es ist schwierig, sich registrieren zu lassen durch UN und deutsche Botschaft und viele werden ausgenommen durch Visahändler, die vorspiegeln ihnen helfen zu können.

Für die meisten gibt es nur die illegalen Wege über Griechenland und Bulgarien. Dort sitzen 15.000 nichtregistrierte Flüchtlinge fest."

 

St. Michaelskirche in Sabad

 

In der Diskussion wurde deutlich, dass kaum noch Gemeinden in Kirchen zusammenkommen können, meisten trifft man sich heimlich in Privathäusern. Für viele Christen ist es gefährlich geworden, zum Gottesdienst in die Kirche zu gehen. 

Zu Hause bei Pfr. Bilen im Gespräch beim Abendessen habe ich noch einmal Gelegenheit, mit Pater Luca und Erzbischof Silwanos ins Gespräch zu kommen. Kreuz und quer durch Deutschland ist er zwei Wochen lang gefahren, um über die Lage in Syrien umfassen zu informieren und Hilfe zu finden. Viel Erfolg hat er nicht gehabt. Aber er ist dankbar  für alles, was die Arbeit der Diözese für die verarmte und gefährdete Bevölkerung  unterstützen kann. Es fehlt an allem, Nahrung, Medikamente, Schulmaterial, Kleidung.

 

Was gibt Euch Kraft? Welche biblischen oder liturgischen Texte sind besonders wichtig geworden für Euch, hatte jemand gefragt. Angesichts der vielen Toten und des Leids sind die Klagepsalmen sehr wichtig geworden.  Viele fühlen sich da wahrgenommen und ihre Lage widergespiegelt.  

Im Kreise der Freunde in Bad Vilbel feiert der Erzbischof seine 20-jährige Bischofsordination. Er freut sich an den Kindern, lacht mit den Versammelten, wenn nicht gerade das Handy klingelt und neue Hiobsbotschaften meldet. Wieder sind Menschen in Anschlägen verletzt worden...

"Betet für uns, wir müssen bei unseren Leuten sein. Wir können sie nicht allein lassen", sagt Pater Luca zum Abschied.  Wenn der Bischof da ist, können sie sich um ihren Hirten sammeln, dann fühlen sie sich nicht so verlassen. Am Sonntag fliegen beide zurück in eine ungewisse gefahrvolle Zukunft.

Und was können wir tun, wir Christen hier in Deutschland? frage ich. "Erzählt die Wahrheit", sagt Erzbischof Silwanos, "tragt die Nachrichten von uns weiter, sucht Unterstützung, kümmert Euch um die, die zu Euch flüchten können..."

Syrisch-orthodoxe Freunde aus Fulda um die Religionswissenschaftlerin Edibe Hertel, die Tochter von Pfr. Bilen, haben den Verein Maalula gegründet. Sie waren in Homs, als es noch möglich war und wollen die Arbeit des Bistums unterstützen. Wir sollten das auch tun.  Pfr. Konrad Schulz.

 

Verein Maalula e.V., Vorsitzender: PD Dr. Andreas Hertel, Edibe Hertel

e-mail: info@maalula.org

Spenden Konto: 59848, Sparkasse Fulda (BLZ 530 501 80)

Über diesen gerade gegründeten Verein wickelt das Erzbistum Homs Hilfen aus Deutschland ab.

 

 

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