Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Kreisanzeiger vom 21.09.2013

 

 

Demokratie ist alternativlos

 

Von Pfarrer Kurt Johann.

 

Morgen ist Wahlsonntag. Die Liste der Parteien ist lang und ihre Vielfalt groß. Wir haben die Qual der Wahl und das ist gut so, denn es ist unser Recht und auf besondere Weise auch unsere Pflicht zur Wahl zu gehen.

Während ich diese Worte schreibe, bin ich mit Pfarrerinnen und Pfarrern zu einer Fortbildung in Polen.

Zwei erdrückende, die Seele bewegende Tage mit Besuchen im Stammlager Auschwitz und in Birkenau liegen hinter mir.

Viele Fragen bewegen mich. Die Frage nach Gott in Auschwitz gehört dazu, sie stellt sich mit immer wieder unterschiedlichen Antworten, mir immer wieder neu. Die Frage wie Menschen zu solcher Grausamkeit, zu solch völliger Menschenverachtung fähig wurden, ebenfalls.

Ein katholischer Priester gab uns mit auf den Weg, in den Lagern auf die Stimmen der Opfer zu hören. Über eine Million Menschen wurden hier Opfer einer Nazidiktatur, in der sie jeder Menschlichkeit, jedes Menschenrechtes, beraubt wurden. Was höre ich, was sagen sie mir?

Ich verstehe an diesem besonderen Ort, Demokratie ist alternativlos.

Und doch weiß ich, dass viele Menschen das Vertrauen in ihre Volksvertreter verloren haben.

Die Wirtschaft boomt, aber mit kräftiger Schieflage bei der sozialen Gerechtigkeit im Land. Die Finanzkrise, der Verlust der Freiheitsrechte des Einzelnen durch die Überwachung der Geheimdienste, die scheinbare Allmacht der Konzerne, tragen zu diesem Vertrauensverlust bei und sollten uns hellhörig machen. Das ist der Anfang vom Ausstieg aus der Demokratie von oben.

Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die wollen ihrem Frust darüber so Ausdruck verleihen, dass sie gar nicht wählen gehen, andere wollen ihrem Ärger darüber Luft machen, dass sie radikale und rechtsextremistische Parteien wählen. Eine Protestwahl, doch zu welchem Preis? Rechtsextremistische Parteien zu wählen ist kein Protest. Das ist der Anfang vom Ausstieg aus der Demokratie von unten.

Ich denke wir müssten mehr Demokratie wagen, statt uns frustriert oder verärgert von ihr zu verabschieden.

Und ich denke, das ist, wenn auch nur eine Botschaft, der Opfer von Auschwitz und Birkenau, dass wir miteinander demokratiefähig und demokratiewillig bleiben und dass wir das ihnen auch schuldig sind.

Für uns als Christinnen und Christen sind die Gleichheit aller Menschen, das friedliche Miteinander der Völker, der Dialog der Religionen, die durch Christus geforderte Liebe des Nächsten und sogar die Feindesliebe unaufgebbare Werte unseres Glaubens.

Selig sind die, die Frieden stiften. Sie werden Gottes Kinder heißen.

Gottes Kinder jedenfalls lassen sich durch Hassparolen der Rechtsextremen, nicht in die Irre führen. Davon bin ich überzeugt.

 

Kurt Johann ist Pfarrer für die evangelische Kirchengemeinde in Gedern

 

 

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