Evangelische Kirchengemeinde Gedern
Kirche > Berichte im Kreisanzeiger vom 21.04.2011

Kreisanzeiger vom 24.12.2011

 

   

 „Wir bekommen ein großes Geschenk: Jesus Christus“

 

24.12.2011 – REGION

Von Michel Kaufmann

 

Pfarrer Kurt Johann über Menschen zwischen Kommerz und christlicher Botschaft

 

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ Mit diesem Slogan wirbt derzeit eine große Elektromarkt-Kette. In der Werbung präsentieren Kinder und Erwachsene stolz ihre Geschenke. Während die Wirtschaft zur Weihnachtszeit besonders eifrig ihre Botschaft verbreitet, scheint die Kirche eher leise Töne anzuschlagen. Der Kreis-Anzeiger sprach mit Pfarrer Kurt Johann über das Fest der Liebe. Johann ist seit zehn Jahren Pfarrer in Gedern und betreut dort etwa 2500 Gemeindeglieder.

 

Kaufmann:

Der Werbeslogan suggeriert: Das richtige Geschenk steht an erster Stelle. Was sollte aus Ihrer Sicht im Mittelpunkt des Weihnachtsfestes stehen?

 

Johann:

Zunächst einmal, dass Jesus geboren ist. Gott ist Mensch geworden, und das heißt, dass er den Menschen liebt. Harmonie und Gemeinschaft spielen eine Rolle, aber Weihnachten ist nicht nur ein „Kuschelfest“.

 

Kaufmann:

Was bedeutet das für uns Menschen?

 

Johann:

Unser Alltag wird mehr und mehr entmenschlicht. Der Druck wird größer und wir machen unsere Welt immer unmenschlicher. Weihnachten ist ein guter Zeitpunkt, um den Finger in diese Wunden zu legen. Lasst euch die Liebe zu euren Mitmenschen nicht nehmen! Nehmen wir als Beispiel Leiharbeit: Gott sagt „Ja“ zu den Menschen und wir verleihen sie. Oder: Es werden Milliarden zur Rettung von Banken ausgegeben, aber gegen den Hunger in der Welt wird immer noch viel zu wenig getan. Das ist doch absurd!

 

Kaufmann:

Geht der Slogan zu weit?

 

Johann:

Er ist grausam, bringt aber auf den Punkt, was uns treibt. Wir als Kirche sind herausgefordert, zu zeigen, um was es wirklich geht. Wir bekommen ein großes Geschenk: Jesus Christus. Aber wir freuen uns mehr über die „Verpackung“. Der Inhalt geht dabei immer öfter verloren.

 

Kaufmann:

Was gehört zu dieser „Verpackung“?

 

Johann:

Das ganze Drumherum. Lichterglanz, Weihnachtsmärkte. Das ist ja auch schön, keine Frage. Der Slogan hat sogar einen positiven Aspekt: Er hat die Christen herausgefordert. Und viele haben sehr kreativ und überhaupt nicht bärbeißig darauf reagiert.

 

Kaufmann:

Zum Beispiel?

 

Johann:

In Frankfurt gab es einen Gospel-Flashmob als Antwort auf die Werbekampagne. Ich meine, sie trägt dazu bei, dass Christen sich deutlicher zu Weihnachten äußern.

 

Kaufmann:

Der ranghöchste Feiertag des Kirchenjahres ist der Ostersonntag. Aber einen Hype wie zu Weihnachten erlebt man da nicht. Warum?

 

Johann:

Wenn es nach der Industrie ginge, wäre es genauso. Aber Jesu Geburt, Friedenssehnsucht und Harmonie lassen sich einfach besser verkaufen als Tod und Auferstehung.

 

Kaufmann:

Wie erklären Sie sich, dass trotz des Fokus’ auf Konsum die Kirchen an Heiligabend und Weihnachten voll sind?

 

Johann:

Die Leute haben Zeit. Fast jeder hat an einem der Weihnachtstage frei. Dadurch sieht die Welt an diesen Tagen anders aus. Geschäfte haben geschlossen, der Druck ist weg. Und es hat ganz viel mit Kindheit zu tun, man erlebt Harmonie, Gemeinschaft. Ich sage nicht: „Die kommen nur einmal im Jahr“, sondern: „Sie kommen und das ist schön“.

 

Kaufmann:

Welches ist die wichtigere Aufgabe während der Weihnachtszeit: das Verbreiten der Botschaft oder für die Menschen da zu sein?

 

Johann:

Beides lässt sich gut vereinbaren. Da sehe ich keinen Widerspruch.

 

Kaufmann:

Gibt es denn während der Feiertage einen erhöhten Bedarf an Seelsorge?

 

Johann:

Das kann ich nicht sagen, es ist von Jahr zu Jahr verschieden. Aber ich merke, ich muss immer häufiger jungen Menschen erklären, was Weihnachten eigentlich ist.

 

Kaufmann:

Wie kommt das?

 

Johann:

Die Privatsender definieren Weihnachten einfach anders. Die Kinder freuen sich auf Weihnachten und das ist schön. Ich möchte, dass sie sich auch freuen, dass Jesus geboren ist.

 

Kaufmann:

Und wie kommt man als Pfarrer damit klar, dass die Kirche den Rest des Jahres über weniger gut gefüllt ist?

 

Johann:

Nun, ich liege noch nicht frustriert in der Ecke. Und ich habe das Gefühl, es nimmt auch außerhalb der Feste zu. Zumindest in Gedern kann ich mich nicht beklagen. Ich freue mich, dass Menschen kommen.

 

Kaufmann:

Weihnachten steht für Ruhe und Besinnlichkeit. Dem stehen Hektik und Stress beim „Weihnachtsshopping“ gegenüber. Geht das überhaupt zusammen?

 

Johann:

Die Frage ist, ob man sich Hektik macht. Man kann seine Geschenke ja auch schon im Oktober kaufen. Ich kann nicht den Druck von den Leuten nehmen, aber ich rate: Schaltet mal einen Gang runter!

 

Kaufmann:

Haben Sie denn schon alle Geschenke besorgt?

 

Johann (lacht):

Ja. Und ich hoffe, ich bekomme auch was Schönes.

 

Kaufmann:

Haben Sie denn einen besonderen Wunsch?

 

Johann:

Ich möchte Zeit haben, meinen Vater zu besuchen.

 

Kaufmann:

Als Pfarrer hat man in diesen Tagen besonders viel zu tun. Können Sie das Fest überhaupt noch als ruhig und besinnlich wahrnehmen?

 

Johann:

Ja. Wenn die Christmette losgeht, ist für mich Weihnachten. Das ist keine Arbeit, da feiere ich. Und zwischen Krippenspiel und Christmette ist auch noch Zeit für die Familie.

 

Kaufmann:

Das klingt dennoch stressig.

 

Johann:

Nein, eigentlich nicht. Es ist einfach ein bisschen anders. Manchmal dauert der Gottesdienst vielleicht etwas länger und dann wartet meine Familie schon ganz hungrig auf mich, aber Zeit ist trotzdem vorhanden. Es ist nicht einfach ein Job, es ist eine Berufung. Und darauf muss man sich einstellen.

 

 

 

 

 

 

Pfarrer Kurt Johann freut sich über jeden Menschen, der in die Kirche kommt - ganz gleich, ob an Weihnachten oder jedem anderen Sonntag im Jahr. Um Hektik zu entgehen, rät er: einfach mal einen Gang runterschalten. Foto: Leo

 

nach oben

zurück

KirchenvereinePfarrerKinderGemeindehausKirchePfarrbüro