Evangelische Kirchengemeinde Gedern
Kirche > Berichte im Kreisanzeiger vom 10.08.2010

Kreisanzeiger vom 10.08.2010

  

  

Gedenktafel gibt stummes Zeugnis von ihrer Existenz

 

Von Judith Seipel

 

 

Enthüllung vor ehemaliger Synagoge unter großer Anteilnahme der Gederner Bevölkerung.

 

Gedern (jub). „Die von den Nationalsozialisten ermordeten und vertriebenen Juden haben niemanden, der sich an sie erinnert. Damit wenigstens ihre Namen nicht vergessen werden, geben Gedenktafeln ein stummes Zeugnis von ihrer Existenz“, sagte Manfred de Vries, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, als am Sonntagnachmittag vor der ehemaligen Synagoge in der Lauterbacher Straße unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Gedenktafel mit 35 Familiennamen enthüllt wurde. Spät, sehr spät - 73 Jahre, nachdem die jüdische Gemeinde ausgelöscht worden war - erinnert die Stadt Gedern nun endlich an jene 131 Frauen, Männer und Kinder jüdischen Glaubens, die zwischen 1933 und 1937 Gedern verlassen mussten. Viele von ihnen gingen in den sicheren Tod.

 

Viele Gederner, darunter Vertreter der Kommunalpolitik und der vier christlichen Kirchengemeinden, begleiteten die Enthüllung der Gedenktafel. Fotos: Seipel

 

 

Das Unbehagen, das die Zuhörer bei der Rückschau auf die Ereignisse insbesondere des Jahres 1933 empfanden, war beabsichtigt. „Wir haben keinen Sonntagsspaziergang geplant“, wandte sich Horst Kissel vom evangelischen Kirchenvorstand an die Anwesenden. Gemeinsam mit anderen Kirchenvertretern hatte er unnachgiebig diese Gedenktafel forciert. An der Realisierung beteiligte sich schließlich auch die Stadt. Zur Enthüllung konnte er nicht nur viele Gederner, sondern auch Monik Mlynarski und Manfred de Vries von der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim und den Landtagsabgeordneten Klaus Dietz begrüßen.

 

„In kürzester Zeit wurde eine über Jahrhunderte währende gemeinsame Existenz auf dem Altar des Hasses, der Dummheit und der Gleichgültigkeit geopfert“, sagte Daniel Neumann, Direktor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, in einer bewegten wie bewegenden Ansprache angesichts von nur sechs Wochen, die zwischen der Machtübernahme Hitlers und dem ersten Pogrom gegen Gederner Juden lagen, als sich im März 1933 in Gedern ein SA-Trupp aufmachte, um Juden brutal zusammenzuschlagen. „Und die netten Nachbarn von einst offenbarten ihr wahres Gesicht und feuerten die Schläger an oder beteiligten sich gar an dem Pogrom.“ Die vermeintlich funktionierende jüdisch-nichtjüdische Gemeinschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei eine „fatale Illusion“ gewesen, sagte Neumann. „Der Jude wurde zum Sinnbild des Anderen, des Fremden, des Untermenschen. Ihn konnte und wollte man demütigen, jagen und schlagen. Und schließlich gab man ihn zum Töten frei.“ Nur rhetorisch die Frage Neumanns nach Widerstand, helfenden Händen, einem Aufschrei der Nachbarn.

 

Die Frage „Wie konnte das geschehen?“ muss sich jede Generation aufs Neue stellen. Den Begriff des Gedenkens fasste Neumann deshalb weiter: „Es geht um das Nachdenken, das Hinterfragen.“ Dazu fordere nun auch diese steinerne Tafel auf. Die Übergriffe in Gedern ereigneten sich zu einem Zeitpunkt, als niemand sich damit herausreden konnte, nichts gegen all das unternehmen zu können. Und dennoch geschah es. Diese Geisteshaltung, so Neumann, der ungezügelte Hass der einen, flankiert von der Untätigkeit und der Gleichgültigkeit der anderen, mündete schließlich in die Katastrophe. Er schloss mit dem Appell, „inne zu halten und nachzudenken, sich zu vergegenwärtigen, wozu Menschen fähig sind, wenn sich die moralisch-ethischen Grundlagen unseres Zusammenlebens verflüchtigen“. Er forderte auf, „Unrecht, Ausgrenzung und Entrechtung von Minderheiten nicht widerspruchslos zu erdulden, nicht tatenlos mit anzusehen, nicht gleichgültig zur Kenntnis zu nehmen“.

Zuvor hatte Bürgermeister Stefan Betz zu mehr Zivilcourage aufgerufen und an die „immerwährende Verantwortung“ erinnert, für den demokratischen Rechtsstaat einzutreten: „Das ist das Mindeste, was wir den Opfern des Dritten Reiches schuldig sind.“

 

Der evangelische Pfarrer Kurt Johann nannte es „beklemmend und belastend“, dass eine große Mehrheit der Christen geschwiegen und sich dem Zeitgeist angepasst habe. „Das Christentum hat seine Schuld am Aufkommen und Wachsen des Antisemitismus.“ Die Gedenktafel sei einerseits ein „sichtbares Zeichen unserer Bitte um Vergebung“, andererseits ein „Bekenntnis zur Wahrung der Menschenrechte“ und ein „Stolperstein für eine politikfreie Spaß- und Partygesellschaft“.

 Enthüllung der Gedenktafel: der evangelische Pfarrer Kurt Johann, Bürgermeister Stefan Betz, Manfred des Vries, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, Monik Mlynarski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim (nur von hinten zu sehen), Horst Kissel vom evangelischen Kirchenvorstand, Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, der katholische Geistliche August Jakob Schmitz, Stefan Lusky von der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde und Manfred Birx von der Brüdergemeinde (von links) Fotos: Seipel

 

 

Hier die Inschrift der Gedenktafel, Foto und Einstellung privat

 

 

Für den musikalischen Rahmen sorgte der Posaunenchor der evangelischen Kirchengemeinde unter der Leitung von Horst Kissel

 

Dirigent und Mitbläser vom Posaunenchor, Horst Kissel. Foto und Einstellung privat

 

 

nach oben

zurück

KirchenvereinePfarrerKinderGemeindehausKirchePfarrbüro