Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Kreisanzeiger vom 09.08.2010

  

 

Bereitschaft heute höher, sich Vergangenheit zu stellen

 

Von Judith Seipel

 

Vortrag von Thomas Lummitsch als Auftaktveranstaltung zur Gedenktafelenthüllung in Gedern.

 

Gedern(jub). „Das Vergessen zu verhindern“ sei seine Aufgabe, das Vergessen jüdischen Lebens in unserer Region, das Vergessen des Holocaust. Rund 20 Jahre, nachdem er ein Buch über „Jüdisches Leben in Gedern“ verfasst hat, sprach der Lehrer Thomas Lummitsch aus Assenheim am Samstagabend im evangelischen Gemeindehaus von Gedern erneut über dieses schmerzhafte Kapitel deutscher Geschichte und befand: „Die Bereitschaft, sich der Vergangenheit zu öffnen und zu stellen, ist in Gedern heute weitaus größer als vor 20 Jahren.“

 

Lummitschs Vortrag war die Auftaktveranstaltung zur Gedenktafelenthüllung vor der ehemaligen Synagoge in der Lauterbacher Straße am Sonntag. Die vier christlichen Kirchen in Gedern und die Stadt haben die Tafel in Auftrag gegeben zum Gedenken an jene 131 Gederner jüdischen Glaubens, die in den Jahren 1933 bis 1937 die Stadt verlassen mussten.

 

Umfassendes Wissen um die ehemalige jüdische Gemeinde von Gedern, die 1937 erloschen ist, verdanken die Gederner Thomas Lummitsch. Im Auftrag des Magistrats hat er in Archiven geforscht, Zeitzeugen befragt und 1991 das rund 220 Seiten starke Werk veröffentlicht. Lummitsch schildert darin nicht allein die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Gedern, ihren Weg zwischen Restriktionen und Gleichberechtigung und schließlich ihren Untergang, sondern auch das Alltagsleben von Juden und Christen in Oberhessen mit seinen vielen Berührungspunkten. Und Lummitsch nennt die Namen jener Jungen und Mädchen, Frauen und Männer, die seit 1933 vor den Nazis fliehen mussten oder von ihnen in die Vernichtungslager deportiert wurden.

 

In seinem Vortrag, dem 50 überwiegend Gederner Zuhörer folgten, bezeichnete Lummitsch die jüdische Kultusgemeinde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „ausgesprochen vital“. Bis zum Aufstieg des Nationalsozialismus habe es ein „lebendiges Miteinander christlicher und jüdischer Bürger“ gegeben. Christen und Juden hätten sich sogar zu Stammtischgemeinschaften zusammengeschlossen. Der christliche Lehrer Riedel leitete viele Jahre den örtlichen Synagogen-Gesangverein und der letzte Gemeinderechner Vonalt der Kultusgemeinde war Christ, berichtete Lummitsch.

 

Ein Zeugnis für das enge Zusammenleben hatte zuvor der evangelische Pfarrer Kurt Johann vorgelesen, einen Brief, den der einstige Gederner Bürger Samuel Vöhl 1947 aus New York seinem ehemaligen Nachbarn in der Otto-Müller-Straße geschrieben hatte. Darin erkundigt Vöhl sich nach der Autowerkstatt Rapp, fragt, wie die Bürgermeister in den verschiedenen Ortschaften heißen, und erkundigt sich nach einem Gastwirt in Eichelsachsen.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint umso unbegreiflicher, was sich am 13. März 1933 und am 26. September des gleichen Jahres in Gedern ereignete. Ein Mob aus SA-Leuten und Gederner Bürgern zog als Schlägertrupp durch die Straßen und machte Hatz auf Juden. „Der fast 80-jährige Gabriel Blumenthal wurde blutig geschlagen. Die Schreie der so Gequälten wurden noch vor der Straße aus wahrgenommen“, schilderte Lummitsch, was sich am 13. März in Gedern ereignete

 

Die NSDAP und mit ihr das braune Gedankengut erstarkten schnell in Gedern. Als im April 1933 eine Adolf-Hitler-Eiche gepflanzt wurde, hielt der evangelische Ortsgeistliche die Weiherede.

 

Das Leben in Gedern wandelte sich rasch. Jüdische Geschäfte wurden jetzt boykottiert, offene Rechnungen nicht beglichen. Wenige Jahre zuvor noch fester Bestandteil des örtlichen Wirtschaftslebens, brachen jüdische Firmen nun zusammen. Zu Schleuderpreisen verkauften die Inhaber Haus- und Grundbesitz. Wer konnte, der floh - in die USA, nach Palästina, nach Südafrika. Andere suchten - zunächst - Schutz in der Anonymität der Großstadt Frankfurt. Lummitsch konnte 22 der 131 jüdischen Bürger, die ab dem 1. Januar 1933 in Gedern gezählt wurden, als Opfer des Massenmordes ermitteln. Doch sei davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der ermordeten Gederner Juden noch höher ist. Jede Generation, so Lummitsch, müsse sich diesem Teil deutscher Geschichte immer wieder neu stellen. Heute stehe er einer ganz neuen Schülergeneration gegenüber. Schülern, deren Großeltern schon nach 1945 geboren seien und die keinem Erwachsenen mehr die Frage stellen könnten: Was hast du zwischen 1933 und 1945 getan? Deshalb sei es wichtig, die Erinnerung wach zu halten.

 

Horst Kissel, Mitglied des evangelischen Kirchenvorstands, hat das Aufstellen der Gedenktafel maßgeblich begleitet. Er dankte Lummitsch mit einem Aquarell, das die evangelische Kirche im Winter zeigt. Er müsse sich in diesen Tagen vielen Diskussionen stellen und „Position beziehen“, sagte Kissel und könne Lummitschs Optimismus, Gedern stelle sich diesem Kapitel seiner Vergangenheit offener als noch vor 20 Jahren, nicht teilen.

 

Einfühlsam begleiteten Birgit Lusky (Violine) und Ernst Peppel (Klavier) den Vortrag. Die Nachdenklichkeit, die Trauer um den Verlust, aber auch die Erinnerung an das lebendige Miteinander zeichneten sie mit Werken von Antonin Dvorak, der von John Williams komponierten Filmmusik aus „Schindlers Liste“, zwei rumänischen Tänzen von Bela Bartok und einer Romanze von Max Reger nach.

 

 

Horst Kissel, Mitglied des evangelischen Kirchenvorstands, hat das Aufstellen der Gedenktafel maßgeblich begleitet. Er dankte Lummitsch mit einem Aquarell, das die evangelische Kirche im Winter zeigt. Foto: Seipel

 

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