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Kreisanzeiger vom 31.07.2010

  

 

Bericht im Gederner Anzeiger vom 31.07.2010

 

 

Schmerzhafte Lücke im kollektiven Erinnern schließt sich

 

Von Judith Seipel

 

Gedenktafel vor der ehemaligen Synagoge ist früheren jüdischen Mitbürgern gewidmet

 

 

Als die Witwe Dora Vöhl am 1. Juli 1937 Gedern verlassen hatte, galt die Stadt als „judenfrei“, wie es in der Sprache des Nationalsozialismus hieß. Eine wenige Jahre zuvor noch blühende jüdische Gemeinde, die fünftgrößte in der Wetterau, war unwiederbringlich erloschen. Nun, 73 Jahre später, wird mit dem Aufstellen einer Gedenktafel vor der ehemaligen Synagoge in der Lauterbacher Straße endlich eine schmerzhafte Lücke im kollektiven Erinnern geschlossen. Die einen Quadratmeter große Steinplatte trägt 35 Familiennamen und ist jenen 131 Kindern, Frauen und Männern jüdischen Glaubens gewidmet, die in den Jahren von 1933 bis 1937 Gedern verlassen mussten. Sie wurden vertrieben oder in die Vernichtungslager deportiert.

 

„Künftig werden wir am Volkstrauertag nicht allein der Soldaten gedenken, die in den Weltkriegen gefallen sind, sondern auch der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus“, sagt der evangelische Pfarrer Kurt Johann, der dieses Versäumnis „beschämend“ nennt.

 

Die vier Gederner Kirchen - neben der evangelischen Kirchengemeinde die katholische Pfarrgemeinde, die evangelisch-freikirchliche Gemeinde und die Brüdergemeinde - haben diese längst überfällige Gedenktafel gefordert und gemeinsam mit der Stadt Gedern für 3500 Euro anfertigen lassen. Die VR Bank Main-Kinzig-Büdingen leistet finanzielle Unterstützung, erläuterten Bürgermeister Stefan Betz, Pfarrer Kurt Johann, Kirchenvorstandsmitglied Horst Kissel, Stefan Lusky (evangelisch-freikirchliche Gemeinde) und Manfred Birx (Brüdergemeinde).

 

Juden und Christen lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gedern einvernehmlich miteinander. 22 der 146 Gewerbebetriebe, die es um 1933 in Gedern gab, hatten jüdische Inhaber. Bäcker, Eisen- und Möbelhändler, Metzger und Schuhmacher betrieben ihre Geschäfte, wie auch ihre christlichen Kollegen, entlang der Hauptstraße. Auch in den Vereinen der kleinen Stadt wirkten Juden. Der Fußballclub Alemannia, der im Juni sein 100-jähriges Bestehen feierte, hat mit Julius Rothenberger sogar einen jüdischen Gründer. In Geflügelzucht- und Gesangverein gingen Christen und Juden gemeinsamen Interessen nach. Der jüdische Lehrer Adolph Bauer, 1883 in Schotten geboren, unterrichtete von 1905 bis zu seiner Amtsenthebung 1935 die Gederner Kinder. Als Religionslehrer der jüdischen Kultusgemeinde ist von ihm überliefert, dass er schon mal ein Auge zudrückte, wenn seine Schäfchen bei öffentlichen Festen unkoschere Schweinewurst aßen.

 

Doch die Saat des Hasses fiel auch in Gedern rasch auf fruchtbaren Boden und ging auf. Schon im März 1933 zog ein Schlägertrupp der SA vom Schlossberg in die Hauptstraße, brach in jüdische Häuser ein und schlug deren Bewohner zusammen. Weitere Übergriffe sollten folgen. Der als so liberal geschilderte Religionslehrer Adolph Bauer starb 1942 im Vernichtungslager Auschwitz.

 

Ihm hat der Assenheimer Geschichtslehrer Thomas Lummitsch sein 1991 erschienenes Buch „Jüdisches Leben in Gedern“ gewidmet, das er im Auftrag des Magistrats der Stadt Gedern geschrieben hat. Präzise zeichnet Lummitsch darin auf 220 Seiten die wechselvolle Geschichte des Judentums in Gedern nach, die zurückreicht bis in das späte 17. Jahrhundert. Er berichtet, wie die jüdischen Bürger teilhatten am Gemeindeleben und wie das Zusammenleben jäh endete.

 

„Jüdisches Leben in Gedern - eine verhinderte Symbiose“ ist auch der Vortrag überschrieben, den Lummitsch - fast 20 Jahre nach Erscheinen seines Buches - am Vorabend der Gedenktafelenthüllung im evangelischen Gemeindehaus halten wird. Darin wird es nicht nur um Fakten gehen, sondern auch die Trauer um den Verlust soll Raum finden.

 

Die Gedenktafel wird mitten in Gedern stehen, dort, wo einst das Leben der jüdischen Mitbürger stattgefunden hat und wo auch heute das Herz der Stadt schlägt. So ist es gewollt. Kurt Johann: „Es darf wehtun.“

 

Das Programm

 

Die Gedenktafel wird am Sonntag, 8. August, um 15 Uhr vor der ehemaligen Synagoge in der Lauterbacher Straße feierlich enthüllt werden. Das Datum wurde mit Bedacht gewählt: Dieser Sonntag, der zehnte nach Trinitatis, ist im evangelischen Kirchenjahr als Israelsonntag dem Verhältnis von Christen und Juden gewidmet. Bürgermeister Stefan Betz, Daniel Neumann, Direktor des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Hessen, und der evangelische Pfarrer Kurt Johann werden Ansprachen halten. Der Posaunenchor wirkt mit. Danach sind alle Teilnehmer zum Gedankenaustausch bei Kaffee und Kuchen im Gemeindehaus der Brüdergemeinde unterhalb des Feuerwehrstützpunktes eingeladen. Bereits am Vorabend, 7. August, wird Thomas Lummitsch ab 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus im Herrnweg über „Jüdisches Leben in Gedern - eine verhinderte Symbiose" sprechen. Birgit Lusky (Violine) und Ernst Peppel (Klavier) gestalten den Abend musikalisch.

 

 

Pfarrer Kurt Johann, Kirchenvorstandsmitglied Horst Kissel, Manfred Birx von der Brüdergemeinde und Bürgermeister Stefan Betz (von links) vor der Gedenktafel, die am 8. August vor der ehemaligen Synagoge in der Lauterbacher Straße enthüllt wird. Foto: Seipel

 

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