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Kreisanzeiger vom 10.11.2009

 

 

Publikum lauscht atemlos einem musikalischen Epos

 

 

Bericht im Kreisanzeiger vom 10.11.2009

 

 

(mü). Am Ende gab es Standing Ovations und "Bravo"-Rufe für eine monumentale Aufführung, die sowohl vom musikalischen Anspruch als auch von der Zahl der Mitwirkenden her kreisübergreifend neue Maßstäbe setzte: 65 Sängerinnen und Sänger aus allen zehn Sängerbünden der beiden Landkreise Wetterau und Vogelsberg, drei international renommierte Solisten sowie die Kammerphilharmonie Bad Nauheim in klassischer Besetzung brachten in Gedern und Schotten unter der Leitung von Willi Becker Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" zu Gehör.

 

Die Schirmherrschaft über das Projekt, das der 1999 ins Leben gerufenen Workshop-Reihe "Der Vulkan singt" neue Dimensionen verlieh, hatte der Landrat des Vogelsbergkreises, Rudolf Marx, übernommen. Er dankte den Sponsoren, insbesondere der OVAG und der Sparkasse Oberhessen, die den Löwenanteil der Projektkosten übernommen hatten. Die Organisationsleitung lag in den bewährten Händen von Chorleiterin Sabine Spahn aus Alsfeld.

 

Atemlos lauschte das Publikum in der evangelischen Kirche Gedern sowie in der Schottener Liebfrauenkirche dem musikalischen Epos, mit dem Joseph Haydn (1732 bis 1809) ein geniales alttestamentliches Pendant zur Händels "Messias" schuf: "Die Schöpfung", so bemerkten Kritiker der ersten Stunde, bezieht ihren unwiderstehlichen Zauber vor allem aus der Haltung der Ehrfurcht und des Staunens, die das gesamte Werk durchzieht und den Zuhörer keinen Augenblick aus ihrer Spannung entlässt. Haydns Musik erzählt das allgemein Vertraute - den biblischen Schöpfungsbericht, angereichert durch Passagen aus den Psalmen und John Miltons Genesis-Epos "Paradise Lost" - dergestalt, als werde hier und jetzt zum ersten Mal davon berichtet. Im Wechsel zwischen textgebundenem Rezitativ, den ausdrucksvollen Arien der Erzengel Gabriel (Sopran: Iris Kupke, Mannheim), Raphael (Bass-Bariton: Andreas Czerney, Linden) und Uriel (Tenor: Holger Marks, Berlin) sowie dem Lobgesang der himmlischen Heerscharen (Gesamtchor) entfaltet sich das reiche, vor Vitalität und Dynamik überbordende Geschehen der sieben Schöpfungstage scheinbar unmittelbar vor Ohren und Augen des Zuhörers.

 

Bilder vor innerem Auge Tatsächlich ist an dieser Rezeption nicht nur das Ohr beteiligt, vielmehr malt "Die Schöpfung" fortlaufend neue Bilder vor das innere Auge: Der erste gleißende Lichtstrahl im dunklen Universum, das langsame Aufgehen der Sonne und die stille Bahn des Mondes, Sternenfunkeln und Wasserrauschen, Donner, Blitz, Regen und der zarte Schneefall werden zwingend in Klänge und Gesang umgesetzt. Selbst für Farben und Duft der Blumen, die Wirkung der Kräuter, das Gewirr der Fische, den Flug des Adlers und das Liebesgurren der Tauben fand Haydn innovative musikalische Entsprechungen, die auch bei dieser Aufführung ihre Wirkung nicht verfehlten. Mit tiefem Engagement, gepaart mit professioneller Leichtigkeit und einem Schuss Humor, behielt der musikalische Leiter der Aufführung, Willi Becker, die mit vielen jungen Musikern besetzte virtuose Kammerphilharmonie, den Chor, die Solisten und sogar das Publikum im Blick. Zwei Stunden höchster Konzentration, Präsenz sowie hörbarer Liebe zu Werk und Thema prägten das Zusammenwirken des gesamten Ensembles. Nicht umsonst hat auch der Komponist selbst, dessen 200. Todestag in diesem Jahr begangen wird, bis zur völligen Erschöpfung an seinem Oratorium gearbeitet und den Schaffensprozess als "tiefe religiöse Erfahrung" beschrieben.

 

Anrührend aktuell vor den heutigen Themen Naturentfremdung, -ausbeutung und -missachtung wirkte vor allem das letzte Drittel des Werkes, das die Erschaffung des Menschen als Gottes Ebenbild beschreibt, dessen höchste Aufgabe es ist, das Geschenk der Schöpfung wertzuschätzen. Iris Kupke und Andreas Czerney übernahmen in einem innigen Duett die Rollen von Eva und Adam. Sieht man vom zeitgebundenen traditionellen Verständnis der Geschlechterrollen ab, so zeichnet Haydn die Liebe eines Menschenpaares nach, das des Paradieses würdig ist. Einzig Uriel (Holger Marks) mahnt, den Sündenfall vorausdeutend, im letzten Rezitativ vor dem strahlenden Schlusschor: "O glücklich Paar, und glücklich immerfort, wenn falscher Wahn euch nicht verführt, noch mehr zu wünschen, als ihr habt, und mehr zu wissen, als ihr sollt!"

 

Die sekundenlange Stille nach dem letzten Akkord bewies, wie tief die Aufführung das Publikum beeindruckt und bewegt hatte. Eine gelungene Hommage an Joseph Haydn und, nicht zuletzt, an die Welt und ihren Schöpfer.

 

 

65 Sängerinnen und Sänger aus allen zehn Sängerbünden der beiden Landkreise Wetterau und Vogelsberg und die Kammerphilharmonie Bad Nauheim erfüllten die evangelische Stadtkirche Gedern. Bild: Hennecke

 


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