Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Kreisanzeiger vom 7.11.2009

 

 

 

Gedanken zum Sonntag

 

 

Lobe den Herrn meine Seele

 

Von Pfarrer Kurt Johann

 

 

 Es gibt nicht viele Tage und Ereignisse im Leben, die man einfach nicht vergisst. Da weiß man genau wo man war und was man getan hat, als man es erfahren oder miterlebt hat.

 

In meinem Leben ist die erste Landung auf dem Mond so ein Ereignis, und dann noch 9/11, der Terrorangriff auf die USA und das World Trade Center und nicht zuletzt, der 9. November 1989.

 

Ich sollte Mitte November meine mündlichen Prüfungen haben und büffelte in einer kleinen Erdgeschosswohnung in Darmstadt für das Examen, als ich gegen 22.30 Uhr über die Tagesthemen Bilder sah, die ich nicht für möglich hielt und die mir das Gefühl gaben, Teil eines historischen Geschehens zu sein.

 

Die Grenzen zur DDR, jahrzehntelang mit Selbstschussanlagen und Todesstreifen bewacht, wurden geöffnet. Menschen lagen sich unter Tränen in den Armen, Sektpullen in der Hand, freudetaumelnd, Grenzsoldaten, die einen jahrzehntelang mit Zwangsumtausch und nervigen Kontrollen schikanierten, öffneten die Tore zum Grenzübergang. Wofür man noch wenige Tage zuvor schlicht und ergreifend erschossen worden wäre, war nun erlaubt. "Wer jetzt schläft, ist tot", sagt einer in die Mikrofone.

 

"Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht was er dir Gutes getan hat", heißt es in einem biblischen Psalm und auch wenn sich die blühenden Landschaften noch immer nicht eingestellt haben, es bleibt für mich ein Wunder, dass dies alles friedlich geschehen konnte. Wir wissen heute, dass es auf Messers Schneide stand, ob die DDR Führung Gewalt anwenden würde oder nicht. Ganz sicher haben zu dieser Gewaltlosigkeit auch die Kirchen beigetragen, die Raum gaben und Zuflucht. Für diese friedliche Revolution ist überall gebetet worden.

 

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Es bleibt ein Wunder, dass beide Staaten wieder zusammenfanden, und dass nun Freiheit und Demokratie in vielen Bereichen des menschlichen Lebens möglich geworden war. Meinungsfreiheit, Wahlfreiheit und Reisefreiheit sind Werte, die wir als Deutsche nicht selbstverständlich nehmen und noch viel mehr schützen sollten.

 

Mit dem 9. November verbinden wir nämlich in Deutschland nicht nur solch gute und befreiende Erinnerungen. Es ist auch der Tag der Reichspogromnacht 1938, in der Menschen bis in die kleinsten Dörfer hinein sich daran machten, Synagogen zu zerstören und in offene Feindschaft gegen ihre jüdischen Mitbürger zu treten.

 

"Reiche und Fürstentümer werden vergehen", heißt es in der Bibel und nun gibt es weder die Schreckensherrschaft des "tausendjährigen Reiches" mehr, noch die Diktatur der Einheitspartei in der DDR.

 

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

 

Zu diesem Lob Gottes und zu diesem "Nicht vergessen" gehört die Verantwortung aller für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in unserem Land.

Es ist makaber und darf nicht unwidersprochen bleiben, wenn die NPD und ihre gewaltbereiten Unterorganisationen in der Nähe zum 9. November heute in Friedberg ihren Geist der Unfreiheit und der Diktatur öffentlich demonstrieren wollen.

 

Kirchen und Parteien, Gewerkschaften und Verbände haben im Wetterauer Bündnis gegen Rechts dazu aufgerufen gegen diesen Aufmarsch der NPD zu demonstrieren. Man kann das nur unterstützen.

 

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Das sind für Christinnen und Christen keine leeren Worte. Sie sind im Hinblick auf die Ereignisse des 9. November, die Reichspogromnacht und die Öffnung der Grenzen zur DDR, vielmehr Auftrag, Frieden und Freiheit in diesem Land zu bewahren und gegen jede Art von Faschismus sich zu erheben.

 

Faschismus ist keine Meinung, sondern eine Verbrechen. Wehret den Anfängen! Für uns als Christinnen und Christen heißt das: Wehret ihnen im Auftrage Gottes. Die NPD ist weiß Gott nicht der Hüter eines christlichen Abendlandes.

 

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