Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Kreisanzeiger vom 09.04.2009

 

 

 

Im Hohen Amt will er die Bodenhaftung nicht verlieren.

 

Dr. Volker Jung ist seit 100 Tagen Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau – Eine erste Bilanz beim Waldlauf im Vogelsberg.

 

Von Claudia Kempf

 

LAUTERBACH/DARMSTADT. Es ist das Bild des Läufers, das er für sich gerne in Anspruch nimmt, um sich und seinen Arbeitsstil zu beschreiben: „Ich bin mit viel Energie gestartet, habe aber immer das Bild des langen Laufens vor Augen, bei dem man seine Kräfte einteilen und die langfristige Perspektive im Blick haben muss, um anzukommen." Nicht die schnellen Erfolge sind es, die er für sich verbuchen möchte, er will Prozesse in Gang setzen, die mittel- und langfristig wirken. Seit dem l. Januar ist Dr. Volker Jung Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), der rund 1,8 Millionen Mitglieder angehören.

Seitdem hat sich sein Leben rasant verändert. Am 10. April ist der 49-jährige Theologe und ehemalige Vogelsberger Dekan 100 Tage im Amt. Es ist also Zeit für ein erstes Resümee. Wir treffen uns mit Volker Jung in seiner alten Heimat, in Lauterbach, der Kreisstadt des Vogelsberges, an einem frühen Sonntagmorgen. Um beim erwähnten Bild zu bleiben: Wir wollen bei einem Waldlauf über den Lauterbacher Hausberg, den Hainig, die Zeit der „Schonfrist" Revue passieren lassen.

Laufen ist sein Hobby, zu dem der gebürtige Schlitzer zurzeit nur noch am Wochenende kommt. „Das tut mir gut, macht den Kopf frei, bringt Entspannung." Kurz nach seiner Wahl zum sechsten Kirchenpräsidenten der EKHN hatte Volker Jung in Frankfurt seinen elften Marathon gelaufen. Dass er ausdauernd ist und über einen langen Atem verfügt, hat er also schon vielfach bewiesen. Tugenden, die ihm in seiner neuen Lebensphase ganz sicher zugute kommen. „Bei meiner jetzigen Arbeit brauche ich ebenfalls einen langen Atem", scherzt er gutgelaunt, als wir die ersten Kilometer Steigung gen Hainig im Dauerlauf erklimmen.

 

 

 

Beim Waldlauf mit Redaktionsleiterin Claudia Kempf ließ Kirchenpräsident Dr. Volker jung die ersten 100 Tage seiner Amtszeit Revue passieren.

 

 

 

Mir geht es gut in meinem neuen Amt. Es ist eine große Herausforderung, sich in all die anliegenden Dinge einzuarbeiten. Es fordert konzentriertes Arbeiten in einem deutlich verschärften Tempo, weil den Tag über viel, viel mehr passiert als früher. Aber es macht mir Freude, und ich merke, wie schön es ist, zu vielen unterschiedlichen Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen Kontakt aufzunehmen und Erwartungen an Kirche von ganz anderer Seite zu hören - etwa von der Politik. Daneben sind natürlich auch ganz viele innerkirchliche Erwartungen mit mir verbunden", erzählt Volker Jung.


 

Volker Jung: Laufen tut ihm gut und „macht den Kopf frei". Tugenden, die der Sport ihm abverlangt, kommen ihm auch im Amt des Kirchenpräsidenten zugute.

 

 

 

Lang sind seine Arbeitstage, die in der Regel gegen 7.30 Uhr - „mit einer kurzen Besinnung" - beginnen und für ihn eine bunte Mischung an Aufgaben und Terminen bereithalten: Büroarbeit, Gespräche auf nationalem und internationalem Parkett, Sitzungen von Kirchenleitung und Leitendem Geistlichen Amt, Diskussionsveranstaltungen oder auch Gottesdienste wechseln sich ab. „Eine Woche ist schnell rum, über Langeweile kann ich nicht klagen", berichtet er über seinen Alltag, in dem ihm neben zwei Sekretärinnen ein persönlicher Referent, ein Pressesprecher, ein Fahrer sowie für die fachliche Zuarbeit auch die Kirchenverwaltung zur Seite stehen. Professionell arbeiten die Mitarbeiter ihm zu. Doch um als Pfarrer authentisch erkennbar zu bleiben, ist es sein Anliegen, insbesondere Predigten und geistliche Ansprachen selber zu verfassen. Terminfreie Abende verbringt er zurzeit auch meist im Büro, um sich weiter einzuarbeiten oder sich auf bevorstehende Termine vorzubereiten. „Vor 23 Uhr gehe ich selten nach Hause. Was aber nicht schlimm ist, da mich im Moment in meiner eher kargen Bleibe sowieso keiner erwartet", berichtet er über sein werktägliches Junggesellendasein, da die Familie erst im Sommer, nach der Fertigstellung des für sie vorgesehenen Hauses in Darmstadt, nach Südhessen umziehen wird.

 

Dass seine Meinung seit dem l. Januar, dem Tag seines Amtsantritts, nun auch bei ganz großen gesellschaftlichen Themen gefragt ist, - er quasi von der Kreisklasse in die erste Bundesliga aufgestiegen ist — daran musste er sich erst gewöhnen. Jetzt diskutiert er mit Bankern und Ministerpräsidenten über die Ursachen der Wirtschaftskrise oder mischt sich in den Ausbau des Frankfurter Flughafens ein. „Wie wertorientiert müssen wir arbeiten, welche Inhalte sind uns in unserer Gesellschaft abhanden gekommen?" Das sind Themen, über die er jetzt spricht. „Für mich ist es spannend zu erleben, dass in dieser Krisensituation nach kirchlichen Gesprächspartnern gesucht wird", berichtet Volker Jung und hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: „Ökonomie und Gewinnmaximierung können nicht alles sein, wirtschaftliches Handeln muss getragen sein von allgemeiner gesellschaftlicher Verantwortung. Das ist an entscheidenden Stellen, vor allem in der großen Finanzwirtschaft, aus dem Blick geraten, und ich bin erstaunt, dass selbst Spitzenbanker jetzt nachdenklich und selbstkritisch geworden sind und erkennen, dass die Krise auf individuellem und systemischem Versagen basiert."

 

Als Außenseiter war Volker Jung ins Bewerbungsverfahren um das Amt des Kirchenpräsidenten gegangen - als Mann aus der Provinz. Er hat sich durchgesetzt, hatte die Synode mit Kompetenz und klaren theologischen Aussagen von sich überzeugt. Dass er mit einem großen Vertrauensvorschuss in sein Amt gestartet ist, weiß er, sieht dies als Verpflichtung und Chance zugleich. „Ich scheue mich nicht, Position zu beziehen, wenn ich das Gefühl habe, in der Sache sicher zu sein. Und das spüren meine Gesprächspartner." Dass die Reaktionen, die er bekam, trotz  der 100-tägigen Schonzeit im Amt nicht immer nur positiv waren, damit kann er leben. Beispielsweise mit der Kritik, die er mit seiner Haltung zur Rodung von Waldflächen für den Flughafenausbau erntete. Schnell sei er mit seinen Aussagen, die auf das Wohl der betroffenen Menschen, der Umwelt und das Rechtsempfinden der Gesellschaft abzielten - eine Woche vor der Landtagswahl - in eine politische Ecke gestellt worden.

 

 

Seit dem 1. Januar ist Volker jung EKHN-Kirchenpräsi-dent. Am Schreibtisch in Darmstadt verbringt er auch nach „Dienstschluss" viel Zeit

 

 

 

Große Themen stehen auch kirchenintern für ihn an. Unter dem Stichwort „Perspektive 2025" beschäftigt Volker Jung die Zukunft der EKHN: Wie kann Kirche perspektivisch aufgestellt werden, wie sollen kirchliche Arbeitsfelder strukturiert und wie können - „und das wird nötig sein" - auch Einsparungen vorgenommen werden? Auch an der Revision der Kirchenordnung, der Verfassung der Kirche, ist er beteiligt, und befasst sich damit, wie die Kirchenleitung künftig zusammengesetzt sein soll. „Innerhalb der Kirchenleitung bin ich vielfach Appellationsinstanz", beschreibt er eine weitere Rolle: Vieles, das an ihn herangetragen werde, gebe er weiter und der Verwaltungsapparat funktioniere. „Um die Details muss ich mich nicht kümmern. Das ist ein großer Unterschied zu früher", resümiert er lachend.

Dankbar ist er für die „gute Unterstützung" seines Amtsvorgängers Professor Peter Steinacker, der ihm einen guten Start in Darmstadt ermöglicht habe.

Ob der neue „KP" bereits Erfolge vorzuweisen hat? „In diesem Amt ist es schwer zu sagen, das oder jenes habe ich erreicht. Da unterscheidet sich ein Kirchenpräsident deutlich von einem Politiker. Der kann nach einem Regierungswechsel bestimmte Sache anhalten oder neu ansetzen. In meinem Amt geht es darum, in Dinge einzusteigen, die laufen, sie zu formen und in eine bestimmte Richtung zu lenken", beschreibt er sein Amt, das er „genießt". „Ich habe zwar viel zu tun, aber meine Tage sind jetzt klarer strukturiert. Der Gemeindealltag als Dekan war unkalkulierbarer - mit allen Schwierigkeiten und Reizen."

 

Seine Ziele für das erste Jahr: „Ich möchte daran mitwirken, dass die jetzige Synode die Prozesse, die jetzt laufen, noch bis Jahresende so abschließen kann, dass sie sagt, wir haben Sinnvolles und Gutes erreicht. Darüber hinaus ist es mir wichtig, viele Kontakte aufzunehmen und gute Arbeitsbeziehungen zu gründen." Denn: Das Amt des Kirchenpräsidenten müsse sehr beziehungsorientiert angelegt und gestaltet werden. Es gelte: „Im richtigen Moment zu den richtigen Themen das Richtige zu sagen. Damit kann ich etwas erreichen."

 

Was soll Kirche heutzutage für die Menschen sein? Dass er auch auf diese Frage eine zeitgemäße Antwort findet, wird von ihm erwartet. Neben den Finanz- und Strukturfragen, die die Kirche bei sinkenden Mitgliederzahlen beschäftigen sollten, sind ihm inhaltliche Schwerpunkte wichtig und die Positionierung, für welche Glaubens- und Lebensfragen Kirche zuständig ist. „Durch die Kirche sollen die Menschen hoffnungsvoller leben und ihr Leben mit mehr innerem Halt führen können", beschreibt er seine Vision. Menschen sollten merken: „Wir haben eine wache Kirche, die nah an den lebenswichtigen, ethischen Themen ist. Eine Kirche, die nicht dogmatisch ist, sondern klar orientiert ist an der biblischen Botschaft." Auf seinem Weg dorthin möchte er die hauptamtlichen und die ehrenamtlichen Beschäftigten an der Basis „mitnehmen". Denn: „Wir können seitens der Kirchenleitung nichts verordnen, sondern nur motivieren und stärken. Wem das gelingt, haben wir viel gewonnen." Dass die Kirche bei allen Visionen auch „schmerzhafte Anpassungsprozesse" durchmachen muss, verleugnet er nicht. „Schon aufgrund des demographischen Prozesses und sicher auch aus finanziellen Gründen werden wir nicht alle Arbeitsfelder und Pfarrstellen im bisherigen Umfang erhalten können", bedauert Jung, fügt jedoch bestimmt hinzu: „Das bedeutet aber nicht, dass sich Kirche zurückzieht."

 

Eng sind Volker Jungs Beziehungen in den Vogelsberg - immerhin hat er hier fast fünf Jahrzehnte seines Lebens verbracht. „Ich freue mich immer, wenn ich bei Terminen Leute aus der Heimat treffe." Natürlich genießt er es, an den Wochenenden „nach Hause" zur Familie nach Lauterbach zu kommen. Dass der Weggang aus dem Vogelsberg insbesondere seiner Frau Claudia und seiner jüngeren Tochter Christina - Tochter Corinna Studien bereits in Frankfurt - nicht leicht fallen wird, weiß er nur zu gut.

 

100 Tage Amtszeit als Kirchenpräsident liegen hinter Volker Jung. Das Amt hat ihn sicher verändert, wenngleich er in seiner Art der alte geblieben ist: Er ist offen, freundlich - einer, der die Menschen anhört und ernst nimmt. Dass er seit seiner Wahl im vergangenen September einige Wochen fast wie ein Medienstar gehandelt, neben seinem beruflichen Werdegang auch viel Privates in die Öffentlichkeit getragen wurde, hat er mit großer Ruhe und innerer Gelassenheit hingenommen. „Das gehörte halt dazu."

 

Die Entscheidung, das Amt des Kirchenpräsidenten anzutreten, hat er noch keine Minute bereut. Wenngleich er manchmal erstaunt innehält, wie er zugibt: „Es gibt Augenblicke, in denen ich leicht zusammenzucke und mir sage: Ich bin Kirchenpräsident", berichtet er lachend über sein „tolles, großes Amt", in dem er sich aber keinesfalls zu wichtig nehmen und die Bodenhaftung nicht verlieren will, um mit langem Atem und Ausdauer Spiritus Rector einer modernen Kirche zu sein, die nahe an den Menschen ist. Ein Fernsehmoderator hatte Volker Jung kurz nach seiner Wahl zum Kirchenpräsidenten gefragt, woran er sich denn nach sechsmonatiger Amtszeit messen lassen wolle. „Wenn Sie in einer ganz normalen Kirchengemeinde fragen, wie der neue Kirchenpräsident heißt und einfache Gemeindeglieder antworten: Volker Jung. Dann ist schon viel erreicht", hatte er lächelnd geantwortet. Im Vogelsberg ist man schon vor Ablauf dieser Frist soweit. Bei unserem Waldlauf am frühen Sonntagmorgen begegneten uns Reiter, Spaziergänger und Wanderer, die wir - beim Interview im Laufschritt - freundlich grüßten und die sich, nachdem sie den Gruß erwidert hatten, einander zuwandten und erstaunt bemerkten: „Das war doch Volker Jung, unser neuer Kirchenpräsident….“

 

 

 

 

Hintergrund

 

Die EKHN-Kirchenleitung hat ihren Sitz in Darmstadt. Zu den Aufgaben des Kirchenpräsidenten gehört der Vorsitz in der Kirchenleitung und im Leitenden Geistlichen Amt. Er ist der Sprecher der Kirchenleitung und hat das Recht, in eigener Verantwortung zu wesentlichen Fragen, die Kirche, Theologie und Gesellschaft betreffen, Stellung zu nehmen. Er ist an die Beschlüsse der Kirchensynode gebunden und ist ihr gegenüber für die Amtsführung verantwortlich. Er leitet die theologischen Prüfungen, führt die Aufsicht über das Theologische Seminar und führt Personalgespräche mit den Dekaninnen und Dekanen. Das Amt ist mit dem eines Bischofs vergleichbar. Die Verfassunggebende Synode hat 1949 entschieden, ihm die Bezeichnung Kirchenpräsident zu geben. Der Kirchenpräsident wird von der Synode für acht Jahre gewählt. Volker Jung ist der sechste Kirchenpräsident. Seine Amtsvorgänger waren von 1947 bis 1964 Martin Niemöller, von 1964 bis 1968 Wolfgang Sucker, von 1969 bis 1985 Helmut Hild, von 1985 bis 1993 Helmut Spengler und von 1993 bis 2008 Peter Steinacker.

 

 

 

 

Zur Person

 

Volker Jung ist 49 Jahre alt und stammt aus Schlitz. Mit seiner Frau Claudia hat er zwei Töchter. Nach dem Abitur an der Alexander-von-Humboldt-Schule in Lauterbach studierte er in Bethel, Heidelberg und Göttingen evangelische Theologie. Nach seinem Examen arbeitete er zunächst weiter als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni in Göttingen, 1991 absolvierte er sein Vikariat in Alsfeld, es folgten Pfarrerstellen in Stumpertenrod und Lauterbach. Von 1998 bis 1999 war er Dekan des Dekanats Lauterbach. Nach der von ihm wesentlich mitgestalteten Fusion mit dem Dekanat Herbstein wurde er Dekan des Dekanats Vogelsberg. 1998 promovierte er zum Thema „Das Ganze der Heiligen Schrift. Hermeneutik und Schriftauslegung bei Abraham Calov". Vielfältig sind seine kirchlichen Tätigkeiten und ehrenamtlichen Engagements. Sport ist ein Lebenselixier des 49-Jährigen. Er ist passionierter Marathonläufer, fährt Ski und liebt Literatur. Wichtig sind ihm gute Freunde, „die aufpassen, dass ich auf dem Boden bleibe". Am 27. September 2008 wählte ihn die Synode in Frankfurt zum neuen Kirchenpräsidenten. Mitbewerber um das Amt waren der Wiesbadener Propst Sigurd Rink und der hessen-nassauische Diakonie-Chef Wolfgang Gem. Sein Amt trat er am 1. Januar 2009 an. Offizielle Amtseinführung war am 15. Februar mit einem Festgottesdienst in der Friedberger Stadtkirche, bei der sein Vorgänger Professor Peter Steinacker verabschiedet wurde.

 

 

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