Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Berichte im Kreisanzeiger vom 07.07.2007

 

 

 Andacht für den Kreisanzeiger "Gedanken zum Sonntag" am 7. Juli 2007

 

Käthe Kollwitz - Die unerschrockene Pazifistin

Menschen interessieren mich einfach. Jeder hat seine eigene Lebensgeschichte. Ich höre gerne, Menschen von ihrem Leben erzählen. Mich interessieren die Brüche und das Gelungene, die diesem einmaligen Leben sein Profil gegeben haben. Ich lese auch gerne Biografien und staune, wie Lebenswege zueinander fanden, oder wie das Erlebte seine Konsequenzen im eigenen Leben gefunden hat. Denn Erlebtes, im besonderen Leid bleibt ja nicht in den Klamotten stecken, sondern verändert den Menschen. Nicht selten gewinnt das Leben  durch Leid eine besondere Tiefe. Ich finde spannend, wenn ich merke, da hat jemand etwas aus seinem Leben gelernt, da spiegelt sich etwas davon im Denken und Handeln des Menschen wieder. Und darum möchte ich heute an Käthe Kollwitz erinnern, die am 8 Juli 1867 geboren wurde, also am kommenden Sonntag ihren 140 Geburtstag feiern würde. In unserem Wohnzimmer hängen einige Kopien dieser Künstlerin der Menschlichkeit, dieser unerschrockenen Pazifisten und so durch und durch sensiblen Frau, dieser liebevollen Frau und Mutter.

Ihr Sohn "fällt" 1914 in Frankreich. Seitdem ist die Pazifistin. Mit dem öffentlichen Ausruf: "Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden" fordert sie 1918 ein sofortiges Ende des Krieges. Krieg macht keinen Sinn. Das hatte sie gelernt. Wenn sie einmal an der Neuen Wache  in Berlin waren und dort zur Mahnung gegen die Kriege ihre Plastik "Mutter mit Kind" gesehen haben, dann verstehen sie was ich meine.

Wir lesen und hören von Kriegen, die immer mehr werden und dazu noch immer grausamer. Auch weil wir wegschauen. Während offensichtlich jedes noch so erfundene Detail der ersten Knasterfahrungen einer Hotelerbin wichtig ist, will kaum jemand vom Leid der Menschen im Krieg wissen, von der Furcht der Mutter um ihr Kind, vom das Leid der Menschen im Libanon, in Israel, des West-Bank und dem Gaza Streifen., vom traurigen Schicksal der Menschen,  überall wo Krieg und Not ist.

Kollwitz hat Plastiken und Bilder geschaffen zum Hinschauen. Keine einfachen Themen. Da geht es um Krieg. Und um jede Form von Ungerechtigkeit. Aber darum geht es bei ihr auch immer um Liebe, um Solidarität und Nähe.

Ich interessiere mich für Menschen. Ich bewundere wenn jemand aus seinem Leben lernt, aber ich frage mich, wann die Menschheit endlich lernen wird, keine Kriege mehr zu führen, sich zu wehren , öffentlich und lautstark, wenn wie im letzten Jahr etwa 1000 Milliarden Dollar für die Rüstung ausgegeben werden, während die meisten Menschen dieser Erde um das tägliche Brot und um die nackte Existenz bangen müssen.

Nicht selten wird Krieg im Namen von Religionen geführt. In den seltensten Fällen hat der Krieg dann tatsächlich etwas damit zu tun. Trotzdem: Die Religionen dieser Welt sind herausgefordert. Uns mag vieles trennen. Unsere gemeinsame Verantwortung für den Frieden aber sollten wir neu in den Blick bekommen.

Der Frieden in der Welt wird sich am Frieden zwischen den Religionen entscheiden. Davon bin ich überzeugt.

Viel zu oft geht es noch im interreligiösen Dialog, aber auch im ökumenischen Dialog der Christenheit,  um theologische Spitzfindigkeiten und dogmatische Winkelzüge.

Ende September werde ich für drei Monate in den Libanon gehen und in Beirut leben. Ich gehe mit der Hoffnung dorthin, Menschen zu finden, die in schwieriger Situation und in einem zerbombten Land, dem Frieden dienen, ganz gleich welcher Religion sie sind.

Ob ich in dieser Hoffnung naiv und blauäugig bin? Ich werde es sehen.  Aber ich werde nach Menschen Ausschau halten, die gerade dort dem Frieden dienen, ihnen zuhören und versuchen von ihnen zu lernen. Das wird mein Leben verändern.

Mein christliche Glaube, aber auch die Erinnerung an Käthe Kollwitz ermutigt mich, hoffnungsvoll zu bleiben..  Der Protest gegen den Krieg braucht immer auch die hoffnungsvolle und furchtlose Vision vom Frieden.

Ich bin überzeugt: Der Frieden in der Welt ist ohne den Frieden zwischen den Religionen nicht möglich. So schwer der Weg auch sein mag. Es wird höchste Zeit, dass immer mehr Menschen ihren Glauben und ihre Religion als persönlichen Friedensdienst verstehen, um ein Netzwerk des Friedens zu knüpfen. Das mag naiv sein, aber es gibt in dieser Welt keine wirkliche Alternative dazu.

Weder eine sinnlose Einheitsreligion, noch die übliche Rechthaberei im ökumenischen Dialog hilft uns dabei weiter, wohl aber der Respekt vor der Religion des Andern und die Bereitschaft gemeinsam Verantwortung für diese Welt und für den Frieden zu übernehmen. Ich liebe die Menschen, aber die Menschheit verstehe ich nicht. Irgendwann müssen wir doch einmal aus dem Leid der Kriege etwas lernen.

Über ihre Gebete und ihre Verbundenheit während dieser Zeit  würde ich mich nicht nur von Herzen freuen, sondern ich kann sie auch sehr gut gebrauchen. Es wird mir sehr gut tun bei diesem Dienst im Libanon mich durch sie getragen und in ihrem Gebet zu wissen.

 

 

Kurt Johann ist evangelischer Gemeindepfarrer in Gedern.

 

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