Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Berichte im Kreisanzeiger vom 19.02.2005

 

Gedanken zum Sonntag

 

Reminiscere! Gedenke!

 

In der Passionszeit haben die Sonntage wieder Namen. Reminiscere heißt der kommende Sonntag. Das mag altmodisch klingen und fremd - wer lernt heute denn noch Latein? - aber darum ist es noch lange nicht sinnlos. Reminiscere heißt „Gedenke!“ und ist der Beginn des 25. Psalms, den wir an diesem Sonntag im Gottesdienst lesen.

 

Und dazu fällt mir zunächst ein Familienwochenende in der Lutherstadt Wittenberg ein. Musste mal sein als evangelischer Pfarrer. Weit oben an der Außenseite der Stadtkirche, in der Luther lange Jahre predigte, ist eine Sau zu sehen, die so genannte „Judensau“, die der Reformator am liebsten aus der Stadt getrieben hätte. Das ist vielen heute mit Recht peinlich und mehr als nur ärgerlich, dass der Reformator eben ein Kind seiner antisemitischen Zeit war, die die Juden für alles und jedes Unglück verantwortlich machte, aber es ist auch nicht abzustreiten.

 

Auch nicht dass der Reformator in den unseligen Zeiten der deutschen Geschichte immer wieder als Zitatengeber herhalten musste. Gerne würde man über diesen Luther den Mantel des Schweigens und des Vergessens legen. Gut dass es die Verantwortlichen der Stadtkirche nicht getan haben. Die Judensau ist noch immer zu sehen, aber man hat sie nicht unwidersprochen an der Kirche bleiben lassen.

 

Am Platz unterhalb ist eine beeindruckende Skulptur in den Boden eingelassen. Dicke Bronzeplatten symbolisieren, das Vergessen, das „Jetzt muss doch mal Ruhe sein mit der Vergangenheit“. Sie wissen, dass diese Haltung nicht nur im Sachsen dieser Tage und an Gedenktagen wie dem der Befreiung aus Auschwitz durchaus salonfähig ist.

 

Die Bronzeplatten vor der Stadtkirche stehen jedoch nicht nur für die Art der Vergangenheitsbewältigung, die nur zudecken und vergessen will, sie zeigen auch, dass dies unmöglich ist und unmöglich sein darf. Die Bronzeplatten brechen auf. Die beiden Risse vereinen sich zum Zeichen des Kreuzes. Und wie Pestbeulen quillt die Vergangenheit und die Schuld aus diesen Rissen hervor. Vergessen und Verschweigen geht nicht. Das zeigt dieses Denkmal vor der Stadtkirche deutlich. Im Zeichen des Kreuzes wird nicht vertuscht und verborgen. Wo wir uns aber zur historischen Schuld bekennen und uns der Verantwortung in der Gegenwart stellen, da ist Versöhnung möglich.

 

Reminiscere! Gedenke!

 

Das gilt für den Massenmord des Holocaust, das gilt auch für den Massenmord in Dresden. Echtes Gedenken sucht den Frieden und die Versöhnung. Und wer sich wie die Landtagsabgeordneten der NPD dem historischen Gedenken entzieht, der hat ganz gewisslich keine Zukunft.

 

Kurt Johann ist Pfarrer für die Evangelische Kirchengemeinde in Gedern

 

 

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