Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Berichte im Kreisanzeiger vom 24.12.2004

 

Gedanken zu Weihnachten

 

 

„Und sie fanden keinen Platz…“

 

 

Von Pfarrer Kurt Johann

 

Maria und Josef konnten machen was sie wollten, keiner wollte sie haben. Keiner wollte ihnen Raum geben, um in Bethlehem ihr Kind zu bekommen. Noch ein Kind, bin ich, häufig als Josef verkleidet, bei Krippenspielen von einer Station zur anderen in der Kirche gezogen, um zu sagen: „Ach Wirt, sieh diese Frau nur an, sie kriegt ein Kind, ich bin ihr Mann. Niemand hilft in dieser Stadt, dem der Herberge sucht und kein Geld hat.“

 

„Und sie fanden keinen Platz in der Herberge.“ Dieser niederschmetternde Satz darf nicht romantisch verklärt in der Weihnachtsgeschichte stehen bleiben, gerade in diesem Jahr nicht und gerade in Deutschland nicht.

 

Opel hat gerade mal 10 000 Menschen vor die Tür gesetzt. Zu alt und zu teuer. 1,5 Millionen Kinder in Deutschland leben von Sozialhilfe. Nirgendwo in Europa ist Bildung so sehr vom sozialen Status der Eltern abhängig wie in Deutschland, sagt die neueste PISA-Studie. Wir fördern also nicht mehr die Bildung aller, sondern immer mehr nur derjenigen, die es sich leisten können, ihre Kinder entsprechend zu fördern. Dann ziehen junge Menschen von einer Lehrstellenbewerbung zur anderen und erfahren, dass niemand sie haben will. Und sie finden keinen Platz in der Herberge. Immer mehr Menschen werden in die Armut und ins Abseits unserer Gesellschaft gestellt.

 

Du bist mit 45 zu alt, um noch Arbeit zu finden und mit 85 bist du zu arm, um noch würdig gepflegt zu werden. Wer kann sich eigentlich die hohen Pflegekosten in den Altersheimen noch leisten, ohne dabei in die Armut gedrängt zu werden?

 

Und sie fanden keinen Platz in der Herberge. Hartz IV und Arbeitslosengeld II sind keine Lösungen, sondern allenfalls Problemanzeigen unserer Gesellschaft.

 

Und ich bin sicher, ich stehe mit meiner Beobachtung nicht allein, dass unsere Gesellschaft in letzter Zeit kälter geworden ist, dass der einzelne Mensch und die Menschlichkeit mehr und mehr ins Abseits unserer Wertegesellschaft geraten. Es scheint Wichtigeres im Zeitalter der Globalisierung zu geben. In diesem Jahr war die Zahl der privaten Insolvenzen erstmals höher als die Anzahl der betrieblichen Insolvenzen. Immer mehr Familien sind schlichtweg pleite und können ihren Lebensunterhalt nicht mehr alleine gestalten.

 

Und sie finden keinen Platz in der Herberge. In der Heiligen Nacht und an Weihnachten feiern wir, dass Gott Mensch wurde, weil Gott den Menschen liebt, jeden Einzelnen. Weil Gott Mensch wurde, ist dies auch immer wieder Auftrag für uns, menschlich miteinander umzugehen und den Wert des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Menschenwürde kommt von Gott, und sie ist kein Luxusartikel, den man sich mal wieder leisten kann, wenn es uns mal besser geht. Menschenwürde ist zu jeder Zeit unverzichtbar.

 

Die Armut des Stalles in Bethlehem hatte nichts Romantisches an sich, das erfahren in diesem Jahr sehr viele Menschen, deren wirtschaftliche und soziale Existenz in unserem Land gefährdet ist, die nicht wissen, wie es weitergehen wird.

 

Wir dürfen diese Menschen nicht alleine lassen. Vielleicht feiern wir dieses Jahr Weihnachten einmal etwas anders. Nicht nur, aber eben auch als Protest für mehr Menschlichkeit, für mehr Geborgenheit und Liebe, als Zuwendung zu Menschen, die unsere Hilfe und unsere Unterstützung brauchen.

 

Und das wäre sicher ganz im Sinne des Kindes von Bethlehem, Menschen zu zeigen, dass sie in ihren Sorgen und Ängsten nicht alleine sind. Wir stehen an ihrer Seite. Weil Gott Mensch wurde.

 

 

Kurt Johann ist evangelischer Pfarrer in Gedern

 

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