Evangelische Kirchengemeinde Gedern
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Berichte im Kreisanzeiger vom 18.01.2003

 

Die Kirchen des Christentums dürfen nicht ernuet versagen

Von Pfarrer Kurt Johann

 

Wir sind mit der Familie zu Beginn des neuen Jahres in Berlin gewesen. Wir haben uns erfreut an der wiedervereinigten Stadt, und uns erinnert, dass dies alles friedlich erreicht wurde, allein durch den friedlichen Protest des Volkes. Eine neue Weltordnung entstand und wir waren so naiv zu glauben, es sei eine friedliche, eine in der Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit mehr Gewicht haben würde.

 

Sonntags waren wir in der Gedächtniskirche. Der vom Krieg zerstörte Turm ragt als Mahnung nach wie vor in den Himmel. Beim Betreten der Kirche empfängt uns das warme Blau der Kirchenfenster, über dem Altar der faszinierende goldene Christus. In der Ecke brennen Kerzen für den Frieden. Daneben die Kohlezeichnung der Madonna von Stalingrad, die zu Weihnachten 1942 auf die Rückseite einer Landkarte Russlands gezeichnet wurde. Besinnlichkeit, Nachdenklichkeit bestimmt meine Gefühle im Gottesdienst. Immer mehr wird deutlich: Die neue, gerechtere Weltordnung ist nicht entstanden.

 

Zum zweiten Mal nach dem Fall der Mauer werden Menschen auf einen Krieg im Irak eingeschworen. Die neue Weltordnung kennt nun die Achse des Bösen und natürlich diejenigen Staaten, die da eben nicht dazugehören wollen.

 

Wer sich nicht an den Kriegsvorbereitungen beteiligt, dem weht eiskalter Gegenwind aus Amerika ins Gesicht. Mit dem wird nicht einmal mehr geredet. „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich“, hat einmal Christus gesagt, als die Mächtigen ihm vorwarfen, er treibe böse Geister durch den Teufel aus.(Lukas 1 1.23)

 

Und nun scheint dieser biblische Satz für die amerikanische Politik der Busch Administration umgedeutet worden zu sein.

 

In meinem Gepäck zur Berlin Reise befindet sich Eugen Drewermanns Buch ,,Reden gegen den Krieg“. Wie sollen und wie dürfen wir uns als Kirche und als Christinnen und Christen zum Krieg verhalten? Die Kirchen des Christentums in Europa haben schon viel zu oft darin versagt, wenn es darum ging, sich jeder Logik der Gewalt und der ,,Vernunft“ des Krieges zu entsagen.

 

Auch jetzt scheint es wieder gute Gründe zu geben. Keine Frage: Saddam Hussein ist ein Verbrecher erster Güte. Als es aber darum ging, einen Krieg gegen den Iran zu führen, wurde er von den USA massiv unterstützt. 1982 strichen die USA den Irak von der Liste der terroristischen Staaten. 1984 nahmen sie volle diplomati­sche Beziehungen zum Irak auf. Am 17. April 1988 störte es die USA wenig, dass Hussein etwa 5 000 Kurden bei Halabja mit Giftgas tötete. Nur wenig anders verhielt es sich übrigens mit der Unterstützung von Usama Bin Laden.

 

Die Kirchen des Christentums dürfen nicht erneut versagen. Klare Worte sind nötig, auch wenn sie wieder bedeuten, dass der Friedenswillige zum Bösewicht erklärt wird. Krieg ist keine Therapie, sondern eine Krankheit. Es gibt keinen gerechten und erst recht keinen humanitären Krieg. Wir dienen nicht dem Frieden, wenn wir Krieg führen.

 

Die jährlich etwa 500 Milliarden Dollar, die die westliche Welt für die Rüstung ausgibt, sind ursächlicher Zusammenhang für die etwa 1,2 Milliarden Menschen, die in bitterster Armut leben.

 

Zugegeben. Wir können die Welt nicht ändern und wir werden auch diesen Krieg wohl nicht verhindern können. Aber müssen wir ihn deswegen gut finden oder sogar absegnen? In den USA und wahrscheinlich nicht nur dort gibt es ein ,,Spiel“ für Jugendliche. Der eine setzt sich in ein Auto, der andere in ein anderes. Dann fährt man in rasendem Tempo frontal aufeinander zu und Feigling ist, wer zuerst ausweicht. Chicken driving nennt sich das. Dies ist die Art der Politik, die wir heute erleben. Wo gibt es eine internationale Vernunft, die es verbietet, Chicken driving für Diplomatie zu erklären? Da mache ich nicht mit. Wolfgang Borchert hat einmal geschrieben: Du Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:

SAG NEIN. Daran werde ich mich halten.

 

Kurt Johann ist evangelischer Pfarrer in Gedern

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